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Über William Voltz
Kurzgeschichte

WilIiam C. Voltz
MR. PETER (ca. 1956)

Voll Interesse folgte Flahavan dem Spiel seiner großen Zehe, die aus einem Loch seines rechten Strumpfes hervorragte. Er unternahm den Versuch, sie in eine besondere Stellung zu den anderen zu bringen und war ehrlich verblüfft über die dabei erzielten Erfolge. Das war Flahavans Vorstellung abendlicher Entspannung und mit tiefem Behagen schob er seine Beine etwas weiter über den Tisch. Er zerdrückte gerade den Stummel seiner Zigarre am Rande des Aschers--als die Stille um ihn auseinanderbrach.

"Ken, oh Ken, der Junge spricht im Schlaf".

Flahavan blinzelte verstört zu seiner Frau empor und entschloß sich, sie zu ignorieren. "Ken, Ken, schläfst du schon ?" nagte die Stimme.

"Jetzt nicht mehr", murrte Flahavan verdrossen.

"Du mußt nach Bill sehen, er redet im Schlaf--oh, nimm deine Füße bitte vom Tisch. Außerdem hast du da ein Loch im Strumpf, Ken!"

"Ja", bestätigte Flahavan gereizt und wackelte demonstrativ mit seiner Zehe. Er zog seine Beine phlegmatisch vom Tisch und fragte vorsichtig "Was ist mit Bill?" "Er schläft fest, redet aber ständig vor sich hin. Ich glaube er ... er beschreibt sein Zimmer?"

Flahavan, der gerade unter dem Tisch nach seinen Pantoffeln tauchte, stieß mit dem Schädel gegen die Holzkante. "Fieber", murmelte er. "Billy wird Fieber haben". In düsterer Vorahnung sah er sich bereits unzählige Abende außerhalb seines geliebten Sessels verbringen.

"Gehen wir", sagte er großartig, als läge das Martyrium eines 100 Meilen-Marsches vor ihm.

Sie schlichen über den Flur zu Bills Zimmer und Flahavan streckte seinen Kopf in die dunkle Türöffnung. Und dann hörte er Billys Stimme:

"...unser Haus liegt am Rande der Straße, ja, und mein Zimmer ist im oberen Stockwerk. Es ist ein kleines, mit rot..."

Flahavan stürzte entsetzt vor und riß den Lichtschalter herab. Der Junge lag ruhig im Bett und schlief fest.

Drei Nächte hockte Flahavan vor Billys Zimmer und lauschte auf die immer exakter werdenden Angaben seines Sohnes. In der vierten Nacht endlich wurde der Junge ruhig und Flahavan wollte sich gerade zurückziehen---

Die Tür von Bills Zimmer flog auf und der Junge schoß heraus. "Er ist da, Pap' " rief er Flahavan lachend zu. "Er hat es geschafft". Flahavan wurde blaß.

"Komm und sieh ihn dir an, Pap' " schrie der Junge und zerrte an Flahavans Arm. "Wer ist da?" erkundigte sich Flahavan beunruhigt.

"Mister Peter", verkündete Bill.

Flahavan knurrte scharf. "Hast du wieder einen dieser verdammten Goldhamster an geschafft?" (Er konnte sich erinnern, daß er einmal im Kaffeewärmer ein solches Tier gefunden hatte).

Er gab sich einen Ruck und trat ins Zimmer. Zuerst dachte er, es sei ein riesiges Wollknäuel was da in Bills Bett lag. Dann sah er, daß es eine Pelzkugel war, in deren Mitte ein weißes Ding pulsierte.

"Was ist das?" keuchte Flahavan.

"Das ist Mister Peter", gab Bill hinter ihm bekannt.

"Ihr Sohn nennt mich s" stießen plötzlich Worte in Flahavans Hirn. Unfähig zu sprechen stand dieser zitternd in der Tür.

"Er läßt sich streicheln", sagte BiIly und strich über die Pelzkugel (Mr. Peter gab sanfte Geräusche des Wohlbehagens von sich). Was das auch für ein Ding war, Flahavan mußte es auf dem schnellsten Wege loswerden.

"Aber ich möchte hierbleiben" wisperte es in seinem Kopf.

Flahavan stand wie erstarrt.

"Bitte", kam es erneut, "hören Sie mich doch erst an".

"Er ist ganz zart", meinte Billy, und die Pelzkugel schnurrte begeistert. Ein neues Gedankenbild entstand in Flahavans Kopf. "Ich komme von jener Welt..."

Flahavan sah eine unglaubliche Masse durch das Universum treiben. Etwas löste sich von dieser Masse--in einer irrsinnigen Windung verzerrt. Es war so unverständlich, daß es Flahavan schmerzte. Es quirlte und schäumte und tastete nach Planeten. Als es dann auf die Erde zutrieb, nahm es Gestalt an: Mr. Peter.

Flahavan dachte nach. Was wußte er von Dimensionen? (Er beobachtete dabei mit Unbehagen, wie Bill in dem Pelz Mister Peters herumwühlte). Es war äußerst wichtig, daß die Pelzkugel sofort Billys Bett verließ. "Mister Peters" Gedanken brachten Flahavan fast zum Weinen. "Gehen Sie sofort", forderte er autoritativ.

"Aber Pap' " rief Bill empört, "Mr. Peter ist ganz warm und es kann bestimmt nichts passieren".

"Was wird Ma' dazu sagen?" wehrte sich Flahavan.

Ma' war unbedingt ein Problem, selbst Mr. Peter produzierte ein Fragezeichen.

"Er könnte auf der Mansarde schlafen", schlug Bill vor.

"Nein", lehnte Flahavan ab, "dort regnet es rein". Er war fest entschlossen, dieses Ding wieder aus dem Haus zu schaffen und seine langjährige Erfahrung mit Goldhamstern und weißen Mäusen sollte ihm dabei zugute kommen. Natürlich konnte sich Flahavan nicht sofort entscheiden; immerhin war Mr. Peter ein fremdes Wesen mit noch unklaren Eigenschaften. Es würde Zeit kosten eine brauchbare Idee zu finden.

"Also gut", sagte er, "diese Nacht kann er bei dir bleiben".

Mr. Peters Pelz sträubte sich vor Entzücken und Bill riß ihm voller Begeisterung einige Haare aus.

"Vielen Dank Pap' und gute Nacht Pap' ".

Flahavan ging zur Tür. "Gute Nacht, Sohn!" flüsterte er mit sichtlicher Skepsis. Doch bevor er das Licht löschte, schien ihn ein wunderbarer Gedanke zu erreichen, denn er lächelte und setzte konsequent hinzu:

"Gute Nacht, Mr. Peter",                                                                      

• • •

Am Rande der Galaxis, in der Zentralstation für planetarische Ortung auf "Rigel IV" begann in diesem Augenblick die elektronische Speicherbank der Registratur leise zu summen und der wachhabende Offizier registrierte mit sichtlicher Befriedigung den Text der optischen Rückkontrolle, der in lakonischer Kürze bestätigte:

"Kontakt mit Objekt 3 / System 482 planmäßig aufgenommen!"

Ende