Award
Über William Voltz
Biografie - Teil 6

Im August des Jahres 1964 erreichte Willi die traurige Nachricht, dass Heinz Bingenheimer verstorben sei. Der Tod seines Freundes und Förderers traf ihn sehr. Er war traurig und bedrückt als er mich im Krankenhaus besuchte und davon berichtete.

Willis Eltern sahen wir nur selten. Beide waren berufstätig und die Wochenenden verbrachten sie auf einem Campingplatz in Kirchzell im Odenwald. Dort hatten sie ein romantisches Fleckchen gepachtet, das ihr zweites Zuhause wurde. Bei schönem Wetter machten wir gelegentlich einen Ausflug dorthin. Auch die Voltz´sche Dackelhündin „Hexe“, die, als wir noch in der Bleichstraße wohnten, gerne mit uns spazieren ging, freute sich über unseren Besuch. Sie durfte mit uns in den nahen Wald, wo sie sich austoben konnte. Wir genossen die gute Luft und die romantische Umgebung. 

Hexe.

Nach dem Spaziergang servierte Hanne Voltz immer ein gutes Abendessen.

Bei einem dieser Besuche fragte Hanne, ob wir sie mit zurück nehmen würden. Sie musste am nächsten Morgen arbeiten, während Vater Voltz noch Urlaub hatte.

„Kein Problem!“, sagte Willi. Wie sich herausstellte, gab es doch eine kleine Schwierigkeit. Willi fuhr immer noch sein altes Opel Cabriolet. Das zurückklappbare Dach wurde vorne durch eine Holzstange stabilisiert – und diese war gebrochen. Seit Wochen musste ich das Dach während der Fahrt festhalten, damit der Schnapp Verschluss nicht aufging. Willi machte Hanne darauf aufmerksam. Sie legte jedoch Wert darauf, vorne zu sitzen. „Ich kann das schon!“, meinte sie. Somit klammerte sich diese kleine Frau für eineinhalb Stunden an der Holzstange fest. Sie tat mir leid – hinten hätte sie bequemer sitzen können.

Da der geliebte Opel noch weitere Krankheiten bekam, mussten wir uns entschließen, ein anderes Auto zu kaufen. Willi entschied sich für einen gebrauchten 1500er   Karmann Ghia. Ein schönes Auto; wie sich aber bald herausstellte, war dieser Wagen sehr reparaturbedürftig. Schon nach kurzer Zeit musste er in die Werkstatt, und wir waren gezwungen, mit der Bahn von Hainstadt nach Offenbach zu fahren, was mit einigen Umständen verbunden war. Wir mussten um fünf Uhr dreißig aus dem Haus, damit Willi pünktlich um sieben Uhr an seinem Arbeitsplatz ankam. Ich fuhr immer mit ihm, obwohl meine Arbeitszeit erst um acht Uhr begann. Abends musste Willi dann eine Stunde auf mich warten. Als wir mit dem Zug nach Offenbach fuhren, kamen wir an einem Schrottplatz vorbei. „Sieh´ mal, was da oben steht!“, sagte Willi zu mir. Er deutete auf einen riesigen Schrottberg. Unser alter Opel stand ganz oben - als Krönung. Uns kamen fast die Tränen. 

Im November 1964 fand im Moewig-Verlag in München eine Autoren-Konferenz statt. Ich durfte Willi auf dieser Reise begleiten. Wir trafen uns mit Scheers, die inzwischen mit Töchterchen Corinna eine kleine Familie gegründet hatten, auf einem Autobahn-Rastplatz. Nach einer kurzen Begrüßung - es war noch dunkel und die Autobahn fast leer – fuhren wir in Richtung Süden. Unser Ziel war Irschenberg. Der Ort liegt ca. 50 Kilometer südlich von München und war Walter Ernstings Zuhause.

Walter Ernsting.

Wir kamen bei strahlendem Sonnenschein mittags in Irschenberg an.

Es war meine erste Begegnung mit dem Perry Rhodan-Autor Clark Darlton.

Man fühlte sich sofort wohl im Hause Ernsting. Walter und Uschi (Walters damalige Frau) waren mit den Vorbereitungen für ein spätes Mittagessen beschäftigt und Sohn Robert, damals zehn Monate alt, hüpfte in einer Schaukel zwischen den Türpfosten herum.

Walter Ernsting hatte für uns Zimmer in einer Pension bestellt. Während des Essens besprachen die Männer die Pläne für den nächsten Tag.

„Wir fahren morgens mit Herberts Auto zur Besprechung nach München und Uschi kommt mit euren Frauen später nach!“, meinte Walter. Niemand sah darin ein Problem.

Im Laufe des Nachmittags begann es zu schneien. Die Farbe des Himmels ließ nichts Gutes ahnen.

„Wie kommen wir bei diesem Wetter nach München?“ war K.H. Scheers Frage.

„Du hast doch Winterreifen“, beruhigte ihn W. Ernsting, „und die Autobahn ist sowieso frei!“  

Daraufhin machte man sich nur noch Gedanken darüber, wie die Frauen später den Weg nach München bewältigen können, denn für den Abend waren die Autoren mit Damen vom Verlagschef, Herrn Wilhelm Heyne,  zum Essen eingeladen worden.

„Deine Frau hat doch erst seit kurzer Zeit den Führerschein!“, meinte KHS besorgt.

„Sie kann aber fahren, und außerdem haben wir auch Winterreifen“, war Walters Antwort.

Somit war alles geklärt.

Wir fuhren in die Pension, wo wir uns am Abend wieder mit Ernstings trafen. Wir saßen im Wohnzimmer der Wirtsleute, Familie Gschwendner, die mit Walter und Uschi befreundet waren. Es war ein ausgesprochen fröhlicher und rundum gelungener Abend.

Dazu trugen auch der Rauhaardackel und die Perserkatze der Hausleute bei.  Niemals zuvor, und auch nie mehr danach, sah ich eine Katze, die sich von einem Hund im Nacken packen und hin und her schleudern ließ, um dann auf dem glatten Parkett durch den Flur zu rutschen. Es muss der Katze Spaß gemacht haben, denn sie kam immer wieder und hielt dem Dackel den Nacken hin.

Am nächsten Morgen fuhren die drei Perry Rhodan-Autoren zur Besprechung nach München. Heidrun Scheer, Uschi Ernsting und ich folgten am frühen Abend. Die Fahrt verlief ohne größeres Problem. Uschi brachte uns sicher nach München.

Wir trafen uns in der Münchener Innenstadt in einem vornehmen Restaurant.

Außer den Autoren, zu denen sich noch Kurt Brand gesellte, waren Günter M. Schelwokat, Kurt Bernhardt, sowie Herr Wilhelm Heyne und der Juniorchef Rolf Heyne, anwesend – fast alle mit Frauen. Der Autor Kurt Mahr nahm für mehrere Jahre an keinem Treffen teil, weil er im Dezember 1962 nach Amerika ausgewandert war.

Zu Beginn war die Atmosphäre etwas steif. Walter Ernsting, der zu meiner Rechten saß, trug mit seiner ungezwungenen Art sehr dazu bei, dass wir doch noch einen gemütlichen Abend bei gutem Essen und stimmungsvoller Zigeunermusik verbrachten. Etwas in Bedrängnis brachten mich die ungarischen Musiker, als einer von ihnen unbedingt von mir wissen wollte, was sie für mich spielen sollen. In meiner Verzweiflung fragte ich Walter, ob er eine Ahnung hätte, welchen Titel diese Stehgeiger uns vortragen könnten. „Ich hab´ mit dieser Musik nix am Hut!“, meinte er nur. Wilhelm Heyne befreite uns aus dieser Lage, indem er einem der Musiker zwanzig Mark in die Hand drückte. „Hören Sie doch bitte mal eine Weile auf mit Ihrer Musik!“ bat er ihn. Die Musiker gingen ein paar Tische weiter und setzten ihre Musik fort.

Zu später Stunde machten wir uns auf den Rückweg. Willi und ich fuhren in Scheers Auto mit. Uns voran fuhren Walter und Uschi Ernsting.

Es hatte inzwischen kräftig weiter geschneit. Auch auf der Autobahn waren nur jeweils zwei schmale Spuren, in die Walter und Karl Herbert ihre Autos lenkten und langsam in Richtung Irschenberg fuhren. Alle waren froh, als wir endlich die Abfahrt erreichten.

Walter bog nach rechts zu seinem Haus ab, wir fuhren nach links in Richtung Pension, von der wir schon die Lichter sahen. KHS war sichtlich erleichtert und rief erfreut:

„Gott sei Dank – wir haben´s geschafft!“ Im selben Moment tat es einen Schlag, und wir saßen in einer Schneewehe fest. Alle Versuche, sich daraus zu befreien, schlugen fehl. 

Nachdem uns die Aussichtslosigkeit unserer Situation bewusst wurde, meinte Heidrun Scheer: „Ich gehe zu Walter. Vielleicht kann er uns helfen!“ Sie stieg aus dem Auto und wollte sich auf den Weg machen. KHS saß immer noch wie versteinert hinter seinem Lenkrad. Willi stieg aus und bat Heidrun, sich wieder ins Auto zu setzen. „Ich gehe!“, sagte er. Es sah gespenstisch aus, als sich die dunkle Gestalt mühsam durch den Schnee bewegte.

Nach einigen Minuten kam Willi zurück – alleine. „Walter meinte, heute Nacht könne man nichts mehr tun. Wir sollen das Auto stehen lassen und zu Fuß die paar Meter zur Pension gehen. Morgen früh kommt der Schneeräumer – der würde Platz schaffen!“

Da niemand eine bessere Lösung hatte, befolgten wir Walters Rat. Willi half mir aus dem Wagen. Der Schnee war etwa kniehoch. Als ich mit beiden Füßen im Schnee stand und meinen linken Fuß hob, um weiterzugehen, musste ich feststellen, dass mein Schuh im Schnee stecken geblieben war. „Willi, mein Schuh ist weg!“, rief ich entsetzt.

„Den können wir jetzt nicht suchen!“, meinte Willi, hob mich hoch und trug mich zur Pension. Um mich vor dem kalten Wind zu schützen, legte er seine Hand vor mein Gesicht. Ich bekam leichte Panik, weil ich kaum noch atmen konnte. Wir waren alle sehr erleichtert, als wir endlich die Pension erreicht hatten.

Heidrun Scheer sah mich entsetzt an. Abgesehen davon, dass ich nur noch einen Schuh anhatte (Scheers hatten das Malheur nicht mitbekommen), war mein Gesicht merkwürdig verfärbt. „Ist Ihnen nicht gut?“ fragte Frau Scheer. Ich erzählte ihr, dass mir fast die Luft weggeblieben sei, als mein Mann versuchte, mich vor der Kälte zu schützen. KHS erzählte sofort etwas von „Schock“. „Leg´ sie auf die Couch - Füße erhöht!“ riet er. Nachdem ich glaubhaft versicherte, dass es mir gut gehe, fanden wir die Ursache meiner ungewöhnlichen Gesichtsfarbe. Bei dem aussichtslosen Versuch, K.H. Scheers Auto - plus drei Insassen - aus dem Schnee zu schieben, wurden Willis Handschuhe nass und schmutzig. Einen davon drückte er mir ins Gesicht … Wir lachten über das Missgeschick und waren froh, in Sicherheit zu sein.

Es war die Nacht, in der Heidrun Scheer Willi und mir das Du angeboten hat. KHS war von da an auch für mich der „Herbert“. 

Am nächsten Morgen machten sich Herbert und Willi, begleitet von Herrn Gschwendner, auf den Weg zu Herberts Auto. Der Schneeräumer war bereits da. Er stand nur wenige Zentimeter vom Scheerschen Ford entfernt. Der Schnee war inzwischen so hoch, dass der Fahrer des Schneeräumers nur noch an der Spitze der Antenne erkennen konnte, dass da ein Auto im Weg steht. Es wurde freigeschaufelt. Für unseren   Karmannn Ghia mussten wir Winterreifen kaufen, sonst hätten wir den Weg nach Hause vorläufig nicht antreten können.

Als nach der Schneeschmelze mein Schuh gefunden wurde, rief mich Walter an, um zu fragen, ob ich den Schuh geschickt haben möchte, oder ob ich darauf verzichten würde. Ich bedankte mich und verzichtete. 

Top

Teil 5
Teil 7