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Über William Voltz
Biografie - Teil 40

Willi wurde zusehends schwächer, arbeitete jedoch weiter und versuchte alle Termine einzuhalten. Sein Kollege Peter Griese hatte sich gemeldet. Es gab eine Einladung der Stadt Bergkamen zu einer Podiumsdiskussion, an der außer Peter Griese auch Willi teilnehmen sollte. Willi nahm die Einladung an, bat mich jedoch, ihn zu begleiten und auch zu fahren. Es wurde, wie immer wenn junge PERRY RHODAN Fans zusammenkamen, eine angeregte und positive Diskussion. Trotz seiner Probleme konnte Willi diesen Tag genießen, war aber doch erleichtert, als er wieder zu Hause angekommen war und sich ausruhen konnte.  

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In den drei Wochen bis zum nächsten Termin wurden Willis Beschwerden nicht besser – im Gegenteil. Die Untersuchung ergab, dass sich der Schatten in der Lunge nicht, wie erhofft, verkleinert hatte, sondern größer geworden war. Auch wenn noch kein endgültiges Ergebnis vorlag, wussten wir doch, dass dies nichts Gutes bedeuten konnte.

Ich wollte mit dem Arzt sprechen, ohne dass mein Mann zuhören konnte. Ich erklärte Willi, dass ich noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen müsse und bald wieder zurücksein werde. Das Einkaufszentrum war ganz in der Nähe und dort gab es auch ein Telefonhäuschen. Der Arzt war noch in der Praxis. Die Auskunft war niederschmetternd. Er empfahl für die Operation das Nord-West Krankenhaus in Frankfurt, weil der dortige Chefarzt der Chirurgie, Professor Dr. Ungeheuer, auf Lungenkrebs spezialisiert sei. Auf den Einweisungstermin mussten wir nicht lange warten. Bereits in ein paar Tagen, am nächsten Montag, sollte Willi morgens in der Klinik sein.

Während ich mit dem Packen von Willis Tasche beschäftigt war und meine Gedanken zwischen Operation, Heilungschancen und unserer Zukunft hin und her schwirrten, erklärte mir mein Mann: “Am Sonntag fahren wir aber auf die Rosenhöhe. Ich möchte, wenn es irgendwie geht, wenigstens eine Halbzeit in der Reserve mitspielen bevor ich ins Krankenhaus muss.” Ich glaubte, mich verhört zu haben. „Hältst du das für eine gute Idee?“ fragte ich meinen Mann. Es war ihm nicht auszureden. Der Sonntag war ein kühler, aber sonniger Oktobertag und Willi spielte seine letzte Halbzeit für die Reserve der Sportgemeinschaft Rosenhöhe.

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Am nächsten Morgen fuhren wir nach Frankfurt in die Klinik. Einige Untersuchungen waren noch notwendig, bevor Willi für die Operation vorbereitet werden konnte. Die Bronchoskopie setzte ihm am meisten zu.

Am Abend vor der Operation hatte ich noch ein Gespräch mit einem der Ärzte. Er sagte mir, dass der Tumor sehr groß wäre und dass die Operation nach der am offenen Herzen die schwierigste sei. „Wir klappen ihren Mann auf wie eine Motorhaube“, erklärte er mir. Nichts von dem, was mir der Arzt erzählte, konnte mich auch nur im Geringsten beruhigen, obwohl ich mir meine innere Unruhe nicht anmerken ließ. „Ich bewundere ihre Ruhe“, meinte der Arzt. “Normalerweise sind die Angehörigen immer sehr aufgewühlt!“ Das war ich natürlich auch; es hätte meinem Mann aber nicht geholfen, wenn ich ihn meine Angst hätte spüren lassen. Ich ging noch mal zurück ins Zimmer, um Willi alles Gute für die bevorstehende Operation zu wünschen. Wir umarmten uns und hielten uns lange fest. Ich verabschiedete mich mit den Worten: „Du schaffst das schon! Ich rufe an, wenn ich zu Hause bin. Bis später!“ Die Ungewissheit war schwer zu ertragen.

Als ich am nächsten Vormittag in der Klinik anrief, wurde mir gesagt, dass mein Mann noch nicht wieder auf der Station sei. „Kommen Sie am Nachmittag, dann ist ihr Mann bestimmt wieder bei uns“, empfahl mir die Krankenschwester. Ein Freund hatte sich angeboten, mich in die Klinik zu fahren. Da ich sehr angespannt und nervös war, nahm ich sein Angebot gerne an.

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Bevor ich zu Willi ins Zimmer ging, hatte ich Gelegenheit mit einem Arzt zu sprechen, der bei der Operation anwesend war. Er erklärte mir, dass man meinem Mann den kompletten linken Lungenflügel entfernen musste. „Wenn er die nächsten zwei bis drei Jahre überlebt, kann man davon ausgehen, dass er es geschafft hat“, gab er mir als Information mit auf den Weg. 

Willi lächelte als er mich sah, obwohl ihm die anstrengende Operation anzusehen war. Ich beugte mich vorsichtig zu ihm hinunter und begrüßte ihn. „Die Operation hast du gut überstanden und den Rest schaffst du auch!“ Ich war nicht sicher, dass mein Versuch, meinem Mann Mut zu machen, auch bei ihm ankam.

Nach knapp zwei Wochen Aufenthalt in der Klinik wurde Willi entlassen. Ich holte ihn ab und brachte ihn nach Hause, ganz mit dem Gedanken befasst, meinen Patienten zu pflegen und zu umsorgen. Als ich Willi fragte, ob er einen besonderen Wunsch habe, antwortete er: „Fährst du mich bitte heute Abend auf die Rosenhöhe? Ich möchte allen, die mich schon abgeschrieben haben beweisen, dass ich noch lebe und vorhabe, wieder fit zu werden.“  Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht mit diesem Wunsch. Ich wusste, dass ihm viel daran lag zu zeigen, dass er ein Kämpfer ist, auch wenn es schwerfallen sollte. Nicht ganz überzeugt von seinem Vorhaben versprach ich Willi, ihn zu fahren. Es war Freitag und die Alten Herren trafen sich normalerweise zu ihrer Spielersitzung. An diesem Freitag wurde allerdings der Polterabend eines Fußballers gefeiert und nur einige Bekannte waren anwesend. Das war vielleicht gut so, dachte ich und holte meinen Mann nach einer Stunde wieder ab.

Trotz aller Versuche, Normalität einkehren zu lassen, hatte sich unser Leben verändert. Auch wenn wir uns immer Mut und Hoffnung zusprachen, war die Angst in uns. Unseren Söhnen, zwölf und dreizehn Jahre alt, hatten wir die Situation erklärt und ihnen gesagt, dass der Papa gute Chancen aufs Gesundwerden hat. Chemotherapie lehnte Willi ab. Als ich nach der Operation den Arzt in der Klinik darauf angesprochen hatte, meinte er, dass diese Behandlung derzeit auch nicht sinnvoll sei.   

Willi hatte sich entschieden, den Hausarzt zu wechseln. Sein Vertrauen in den seitherigen Arzt war nach seiner Erfahrung, die er vor der endgültigen Diagnose machen musste, gestört. Er setzte seine Hoffnung in eine Verbindung der Schulmedizin mit alternativen Methoden. Auch seine Ernährung wollte er umstellen. Willis neuer Arzt war Internist und betrieb eine kleine Privatklinik in Offenbach, in der neben der sogenannten Schulmedizin auch mit alternativen Methoden behandelt wurde.

Ich hatte mich zur Sprechstunde angemeldet und legte dem Arzt den Bericht der Frankfurter Klinik vor. Ich erklärte ihm unsere Situation und fragte, ob er meinen Mann behandeln würde. Nachdem er den Bericht gelesen hatte sagte er, dass er uns nichts versprechen kann, aber alles tun werde, um meinem Mann zu helfen.

In dem Bericht war der Operationsablauf geschildert und ebenso der Verlauf nach der Operation. Professor Dr. Ungeheuer zeigte sich erstaunt über die schnelle Erholung nach dem schweren Eingriff. „Als ich am Tag nach der Operation zur Visite ins Zimmer des Patienten kam, musste ich erstaunt feststellen, dass das Bett leer war. Der Patient war ohne jede Hilfe ins Bad gegangen, um sich zu erfrischen“, schrieb er in seinem Bericht.

Zuhause angekommen, berichtete ich Willi von meinem Besuch bei dem Arzt und versicherte ihm, dass er einen guten und netten Eindruck auf mich gemacht hatte. „Ich denke, dass du dich ihm anvertrauen kannst. Morgen ist dein erster Termin“, sagte ich ihm. Diese Auskunft machte Willi Mut und er begann mit Zuversicht die Therapie. In den ersten Wochen fuhr ich ihn fast jeden Tag zur Behandlung in die Praxis. 

Bereits nach kurzer Zeit konnte man erkennen, dass es Willi besserging. Er hatte Appetit und versuchte, seinen gewohnten Lebens- und Arbeitsstil so gut es ging fortzusetzen. Der Schock im Verlag und bei den anderen Autoren wandelte sich ebenfalls in Hoffnung und Zuversicht.

Nach der Lektüre einiger Bücher, die sich mit dem Thema Krebserkrankung und die Nachsorge befassten, war ich damit beschäftigt, für meinen Mann eine gesunde und schmackhafte Diät zu kreieren. Willi wollte auf Fleisch verzichten, das wir durch Sojaprodukte ersetzten. Es füllte zumindest den Magen.

Bei einem unserer Arztbesuche lagen auf einem Tisch Informationsblätter von einem Laden, der sich „Bioecke“ nannte und kürzlich Eröffnung hatte. Wir hielten dort noch am selben Tag an und gehörten von da an zum Kundenstamm. Es wurden nur Produkte verkauft, die auf „Demeterhöfen“ angebaut worden waren. Diese Aktivitäten gaben uns das Gefühl, etwas Richtiges und Gutes für meinen Mann zu tun. Und das war ausgesprochen wichtig.

Vom Verlag kam die Mitteilung, dass Anfang Dezember ein Autorentreffen in Rastatt stattfinden werde. Die Hoffnung des Verlags war groß, dass Willi an diesem Treffen teilnehmen konnte. Die Mitarbeiter der PERRY RHODAN-Redaktion wurden nicht enttäuscht.

Auch der Autor Kurt Mahr kam aus den U.S.A. zu diesem Termin und wie so oft, übernachtete er auch diesmal bei der Familie Voltz. Ralph räumte für ihn sein Zimmer und schlief bei seinem Bruder Stephen.

Erst Jahre später gestand mir Klaus Mahn (Kurt Mahr), dass er in Ralphs Zimmer nicht gut schlafen konnte, weil die ganze Nacht das Aquarium blubberte. 

Da sich Willi noch nicht sicher genug fühlte, um selbst zu fahren, übernahm ich die Aufgabe, die beiden Autoren nach Rastatt zu fahren. Unsere Söhne brachten wir bei Freunden unter.

In den Nachrichten hatte man darüber informiert, dass es in der Nacht Schneefall geben wird. Herr Mahn fragte besorgt, ob wir in diesem Fall doch nicht lieber mit der Bahn fahren sollten. Offensichtlich hatte er kein großes Vertrauen in meine Fahrkünste. Willi lehnte das ab mit der Begründung, dass er flexibel sein möchte, falls er Probleme bekommen sollte.

Am nächsten Morgen erwartete uns eine wunderschöne Winterlandschaft. Gleich nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg. Es schneite noch etwas und wie erwartet ging es langsam voran. Es war angebracht, in den von den Autos gebildeten Fahrspuren zu bleiben. Der Schnee war matschig und die Temperatur kaum unter dem Gefrierpunkt. „Bis mittags ist das alles weg“, beruhigte Willi seinen Freund und Kollegen, dessen angespanntes und etwas besorgtes Gesicht ich im Rückspiegel erkennen konnte.

Tatsächlich änderte sich die Wetterlage auf dem Weg in Richtung Süden. In Rastatt blies ein heftiger, aber milder Wind und von der weißen Pracht war kaum noch etwas zu sehen.

Die Verlagsleitung hatte die Autoren für den Abend zu einem gemeinsamen Essen eingeladen. Willi hatte den Wunsch, sich  zuvor noch ein wenig auszuruhen. Wir gingen in unser Zimmer und legten uns aufs Bett, um etwas zu entspannen. Es dauerte nicht lange, bis es an der Tür klopfte. Ich öffnete und begrüßte Herrn Blach, den Geschäftsführer des Pabel-Verlags, der sehr daran interessiert war zu erfahren, wie sich William Voltz gesundheitlich fühlt. Ein paar Minuten später klopfte es wieder und die Herren Müller-Reymann und Hubert von der Geschäftsleitung wollten ebenfalls meinen Mann begrüßen. Da die vorhandenen Stühle nicht ausreichten, setzten sich die Herren aufs Bett. Nach etwa einer halben Stunde verließen sie uns wieder und schienen sehr erleichtert. Alle freuten sich auf einen schönen Abend.

 Teil 39