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Über William Voltz
Biografie - Teil 36

Als wir von unserer kurzen Reise in den Bayrischen Wald wieder nach Heusenstamm zurückkamen, wunderten sich unsere Nachbarn, dass wir schon wieder ein neues Auto hatten. Als wir ihnen unsere Geschichte erzählten, waren sie fassungslos. „Was es alles gibt!“, war ihre Reaktion und alle waren froh, dass uns nichts passiert war.

Das Mutanten-Korps.

Willis erster Weg nach unserer Ankunft führte ihn ans Telefon, um Günter Schelwokat zu berichten, dass wir gut zu Hause angekommen waren. Es wurde auch gleich wieder über die Arbeit gesprochen. Willi war mit der Bearbeitung des 2.Silberbandes beschäftigt, der im März 1979 erscheinen sollte. Band Nr.3 war für Mai und Nummer 4 für September geplant. Die jeweilige Einleitung und das Vorwort mussten nach der Bearbeitung ebenfalls noch geschrieben werden. Außerdem war es wichtig, dass für die neue Buchausgabe geworben wird. 

Der Letzte Held

Unsere Kinder konnten noch ein paar freie Tage genießen, dann lautete der morgendliche Weckruf für sie wieder: Aufstehen – Schule gehen! Stephen kam in die 5. Klasse. Das hieß bei unserem damaligen Schulsystem „Förderstufe“. Im Laufe der Zeit hatten wir den Eindruck, dass diese Schulreform wenig mit Förderung zu tun hatte. Der Leistungsdruck war enorm und es wurde radikal „gesiebt“. Die Tatsache, dass ich von einigen Müttern auf dieses Problem angesprochen worden war, beruhigte mich etwas. Ich befürchtete schon, dass nur mein Sohn ein Kind sei, das plötzlich Schwierigkeiten in der Schule hatte. Bei Willis Arbeitspensum blieb ihm keine Zeit, sich um Hausaufgaben und häufiger werdende Schulprobleme unserer Kinder intensiv zu kümmern – dafür war ich zuständig. Die Freizeit wurde für sportliche Aktivitäten genutzt, was für Vater und Söhne wichtig war und für die Mutter mehr Arbeit, aber auch viel Freude bedeutete. Beim Lernen wurden unsere Kinder bald von Marion, unserem Babysitter, unterstützt. Sie war eine gute Schülerin und wesentlich besser mit der aktuellen Situation vertraut als wir.

Brief von Hans Gamber. Bild klicken zum Lesen.

Wie man dem Schreiben von Hans Gamber aus der Redaktion in München entnehmen kann, gab es immer wieder neue Ideen, wie man William Voltz mit Arbeit versehen konnte. Wobei Treffen mit Fans zu seinen bevorzugten Arbeitsgebieten gehörte.

Belohnt wurde Willis Arbeit wieder mit einer Prämie, die im Oktober an die Autoren Voltz und Mahn ausgezahlt wurde.

Es ärgerte den PERRY RHODAN Autor Voltz besonders, wenn Menschen, die eigentlich keine Ahnung von der Serie hatten, glaubten, sie in ein schlechtes Licht rücken zu müssen. Das passierte gelegentlich, und wann immer Willi es für wichtig genug empfand, reagierte er darauf. So wie auf den Artikel im STERN.

Das Jahr 1978, das nun bald zu Ende ging, war ein schönes, zufriedenstellendes Jahr. Es ging uns gut, wir waren gesund, Willi bereitete die Arbeit Freude und wir hatten uns - das Leben war schön.

Den Heiligen Abend verbrachten wir, wie immer, mit unseren Kindern. Nach der Bescherung und dem Abendessen spielten wir Monopoly. Es hatte angefangen zu schneien. Genau zum richtigen Zeitpunkt, dachte ich. Als der weiße Belag innerhalb kürzester Zeit eine beachtliche Höhe erreicht hatte, entschieden wir, einen Spaziergang zu machen. Wir packten uns in warme Jacken. Mützen, Schals und Handschuhe durften bei diesem Wetter nicht fehlen. Willi nahm eine große Taschenlampe mit. Der Wind blies die dicken Schneeflocken in unsere Gesichter, was uns nicht störte. Der Wald war nur ein paar Meter entfernt und so schön wie selten. Als wir wieder zu Hause angekommen waren, waren wir durchnässt und glücklich. Es hatte Spaß gemacht.

Brief von Kurt Bernhard. Bild klicken zum Lesen.

Den Jahreswechsel feierten wir bei Freunden. Auf dem Heimweg kamen wir an unserem Fußballer-Vereinsheim vorbei. Wir wussten, dass dort jedes Jahr ausgiebig ins Neue Jahr hinein gefeiert wurde. Willis Frage kam für mich nicht überraschend: „Meinst du, wir sollten noch mal reingehen?“ Klar sollten wir. Es war ein schöner Abschluss für das Jahr 1978.

Das Jahr 1979 begann, wie das alte geendet hatte – mit PERRY RHODAN und ATLAN, Exposés, Romane schreiben, Con-Veranstaltungen, Signierstunden in Kaufhäusern, Telefonate mit dem Verlag und den Autoren wurden geführt, die Leserkontaktseite musste bearbeitet werden und so weiter. Auch die Anfragen von Schulen häuften sich. „Könnten sie evtl. unserer Deutschklasse einen Besuch abstatten? Wir nehmen in der 9.Klasse auch das Thema PERRY RHODAN durch und wir hörten, dass sie einer der Autoren sind und ganz in unserer Nähe wohnen.“  Willi besuchte einige Schulen in der Umgebung. Er war etwas überrascht von dem Wandel, der an manchen Schulen stattgefunden hatte. „Stell dir vor“, erzählte er mir, „den Schülern ist es erlaubt zu essen und zu trinken während des Unterrichts. Einige der Mädchen kämmten sich die Haare und schminkten sich.“ Sie demonstrierten damit vermutlich ihr Desinteresse an Science-Fiction und an PERRY RHODAN. Es hatte sich seit unserer Schulzeit doch einiges verändert. „Manche Schüler legten sogar die Füße auf den Tisch!“ Willi hatte aber auch Gelegenheit festzustellen, dass es noch Schulen gab, an denen gutes Benehmen Voraussetzung war. Das herausragende Erlebnis hierzu war der Besuch in einer Eliteschule in Bremen. Wobei – und darin waren wir uns einig – gutes Benehmen nicht nur eine Frage des Bankkontos der Eltern ist und sein sollte.

Brief an Henri Nannen. Bild klicken zum Lesen.

Für das lange Wochenende an Pfingsten war eine Reise der „Alt-Herren Fußballmannschaft ins Elsass geplant. Ich konnte meinen Mann begleiten, da wir liebe Freunde hatten, die unsere Söhne für ein paar Tage aufnahmen und gut versorgten. Fast alle Fußballer brachten ihre Frauen mit, sodass der Bus mit etwa fünfzig Personen bis auf den letzten Platz besetzt war. Als wir in Straßburg ankamen, hielt der Bus an einem verabredeten Platz an, um unseren Reiseführer für die Tage im Elsass  aufzunehmen. Der Mann stellte sich vor, erklärte, dass er uns in einen Ort in  der Nähe von Straßburg begleiten würde, wo wir unsere Unterkünfte beziehen konnten. Ohne große Pause begann er mit der Schilderung seiner Erlebnisse während des 2.Weltkriegs. Er ließ uns deutlich spüren, was er von den Deutschen hielt. Die Stimmung sackte auf den Nullpunkt und nur mit Mühe konnten ein paar Fußballer beruhigt und davon abgehalten werden, allzu heftig auf die Schilderungen des Mannes zu reagieren.  Unsere Vergangenheit war uns bekannt, aber musste sie jetzt in Erinnerung gerufen werden? Einige fragten nach einem anderen Reiseleiter, worauf Willi meinte: „Das bringt doch nichts. Wo soll jetzt noch ein anderer Reiseleiter hergeholt werden? Und wenn wir einen finden würden, wissen wir nicht, welche Erinnerungen er an die Kriegszeiten hat. Also, vergesst´s  ganz einfach und konzentriert euch auf das, was wir in den nächsten Tagen hier tun wollen – Fußball spielen und eine gute Zeit haben!“

Man hörte noch ein kurzes Gemurmel, alle setzten sich wieder hin und wir konnten die Fahrt fortsetzen. Sie führte uns in einen Ort, der etwa eine halbe Stunde  von Straßburg entfernt lag. Wir wurden auf zwei Pensionen verteilt und nach dem Auspacken trafen wir uns zum gemütlichen Abendessen. Für den nächsten Tag war ein Trip nach Colmar geplant. Eine hübsche Stadt südlich von Straßburg. Willi machte mir den Vorschlag, dass wir uns von der Truppe trennen und eigene Wege gehen. Einer führte uns zum Mittagessen in ein Lokal. Es war einfach eingerichtet, machte einen sauberen Eindruck und war vergleichbar mit einer deutschen Wirtschaft. Der Raum war etwa zur Hälfte besetzt und da niemand auf uns zukam, setzten wir uns an einen der freien Tische. Nach zehn Minuten saßen wir immer noch unbeachtet von der Bedienung, die schon mehrfach an unserem Tisch vorbeigegangen war, an unserem Platz. Inzwischen hatten sich zwei Personen an den Tisch neben uns gesetzt. Sie wurden freundlich begrüßt und nach ihren Wünschen gefragt. Uns beachtete man weiterhin nicht. „Merkst du was?“, fragte Willi. „Ja, ich glaube die mögen auch keine Deutschen!“, antwortete ich. Offensichtlich erkannte man in uns den deutschen Touristen. Wir gingen, ohne dass uns von der Bedienung oder dem Wirt hinter der Theke Beachtung geschenkt wurde.  Wir gaben nicht auf und gingen ins Zentrum von Colmar. Dort fanden wir ein hübsches, neues Restaurant. Wir wurden sehr freundlich bedient und aßen zum ersten Mal „Quiche Lorraine“, die seither zu meinen Lieblingsgerichten gehört. Zufrieden und wesentlich glücklicher begaben wir uns zum Bus, der uns an unseren Wohnort zurückbrachte, wo am nächsten Tag das erste Fußballspiel stattfinden sollte. Für den Abend war ein gemeinsames Essen geplant. In einem Saal war für alle Spieler und Gäste gedeckt. Die Elsässer Gastgeber hatten sich bemüht, den Abend gut und freundlich zu gestalten. Leider kam es zwischen einem Spieler der Rosenhöhe-Mannschaft und ein paar jungen Franzosen zu einem Streit, der darin endete, dass unser Vereinsmitglied einen Hieb auf die Nase bekam. Da er als unbeherrscht und raufsüchtig bekannt war, dachten einige seiner Kameraden, dass er es vielleicht mal verdient habe. Lieber hätten wir natürlich einen schöneren Abschluss des Abends gesehen.

Nach einem weiteren Spiel am nächsten Tag und einem Ausflug in die Vogesen begaben wir uns wieder auf den Heimweg. Von unserem Reiseleiter hatten wir uns freundlich verabschiedet und für seine Unterstützung bei unseren Ausflügen bedankt.

Zu Hause angekommen, musste sich Willi mit einem Thema beschäftigen, das immer mehr zu einem ersthaften Problem geworden war – die Terminschwierigkeiten von Karl-Herbert Scheer.

Die Verantwortung für die pünktliche Ablieferung der Datenblätter hatte Herr Bernhardt an Willi übergeben. „Voltz, Sie haben dafür zu sorgen, dass der Scheer pünktlich liefert!“ Wie er sich das vorgestellt hatte, war schwer nachzuvollziehen und es war auch nicht zu praktizieren. Es war aber auch nicht nur das Problem der späten Ablieferung, das für Unmut sorgte; die Autoren beschwerten sich, dass Exposés und Daten nicht mehr übereinstimmten. Man hatte den Eindruck, dass trotz regelmäßiger Besprechungen, persönlich und telefonisch, aneinander vorbeigearbeitet wurde. Ich erinnere mich an einen Anruf von Hans Kneifel, der verzweifelt war und Willi fragte, was er denn mit dem ganzen Datensch… machen solle. „Schmeiß ihn in den Papierkorb!“ war die Antwort. Ab Juli 1979 wurde auf die Datenanhänge verzichtet.

Für unseren Sommerurlaub hatten wir überlegt, wieder einmal in den Norden zu fahren. Diesmal vielleicht an die Ostsee. In der FAZ gab es viele Anzeigen für Ferienhäuser in Dänemark. Es war unser Wunsch, dass die Anfahrt zu unserem Urlaubsziel nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen sollte. Ich fand eine Adresse in der Nähe von Nordborg, direkt an der Ostsee. Es klang vielversprechend und wir buchten das Haus für vier Wochen. Wir bekamen einen freundlichen Brief der Hausbesitzerin mit genauen Angaben über die Kosten und wo wir bei unserer Ankunft den Schlüssel abholen können.  Ende Juli sollte es losgehen. Bis dahin hatte Willi noch einiges an Arbeit zu erledigen. Die Autoren waren mit Exposés zu versorgen, die nächste Buchbearbeitung musste abgeschlossen sein, wie alles andere, das in Willis Arbeitsbereich gehörte. Die Reiseschreibmaschine und jede Menge Papier waren wieder ein Teil unseres Gepäcks, ebenso alle Unterlagen, die für die Fertigung eines Manuskripts nötig waren. Vor einiger Zeit hatte sich Willi eine kleine Hi-Fi Stereoanlage mit Kassettenspieler gekauft. Die Anlage stand in seinem Arbeitszimmer und er hörte während der Arbeit seine geliebte Countrymusik. Alle Schallplatten, die Willi gekauft hatte, waren von ihm auf Kassetten aufgenommen worden. Da das Gerät in einem Koffer untergebracht ist, war es ideal für Reisen. Wenn alles verstaut war wurde der Deckel oben aufgelegt und mit zwei Schnappschlössern sicher verschlossen. Diese Anlage funktioniert heute noch. Da wir auch das große Schlauchboot und den Motor mitnehmen wollten, blieb Willi nichts anderes übrig, als einen sogenannten  Gepäckboy zu kaufen, der auf dem Autodach befestigt wurde. Darauf kamen die Koffer, die mit einer Plane abgedeckt und verschnürt werden mussten. Begeistert war ich von diesem Arrangement nicht, aber es blieb uns keine andere Möglichkeit. Mir fiel unser Nachbar ein, dessen Surfboard auf einer starkbefahrenen Autobahn vom Dach geflogen war, weil es nicht richtig befestigt war. Zum Glück war niemandem etwas passiert. „Du musst nicht immer gleich ans Schlimmste denken – ich mache das schon richtig!“, beruhigte mich mein Mann.

Der Tag der Abreise kam. Das Auto war gepackt und alles im Kofferraum und auf dem Dach verstaut. Wie vor jeder Abreise saßen Willi und die Söhne bereits im Auto, während ich noch durchs Haus rannte, um nachzusehen ob alles in Ordnung war. Wieder hatten meine Männer vergessen die Schubladen zuzuschieben und die Schranktüren standen auch offen. Es war wie ein Ritual vor jeder Abreise. Ich wusste genau, dass Willi bereits nervös das Lenkrad mit den Fingern bearbeitete; ich ging trotzdem noch einmal ganz schnell ins Bad, um danach abzuschließen und urlaubsreif zum Auto zu rennen. „Da bist du ja endlich! Warum dauert das bei dir immer so lange bis du mal fertig bist?“ „Würdet ihr eure Sachen aufräumen und nicht alles mir überlassen, wäre ich auch früher fertig!“ Es war jedes Mal das gleiche. Willi startete den Motor und wir starteten unseren Urlaub.

Die Fahrt verlief wunschgemäß ohne Probleme. Nur als entgegenkommende Autofahrer immer wieder aufblinkten, bat ich Willi, doch mal nach seiner Plane zu sehen, die er auf dem Gepäck befestigt hatte. Er fuhr auf einen Parkplatz und sah nach. „Alles in Ordnung. Ich hab´s nur ein bisschen fester gezogen. So müsste es gehen!“

Die Fahrt führte uns am Hamburger Hafen vorbei, durch den Elbtunnel und weiter in Richtung Norden. Am späten Nachmittag kamen wir in Nordborg an und fanden leicht die Adresse, an der wir den Schlüssel abholen sollten. Danach waren es noch drei Kilometer bis zu unserem Ferienhaus an der Ostsee. Wir waren begeistert. Das Holzhaus stand auf einem 1000qm großen Grundstück, direkt am Meer. Das Haus war nett eingerichtet. Wohnzimmer mit Küche, zwei Schlafzimmer und ein Bad. Die Schlafzimmer waren klein und die Betten kurz. Willis Füße hingen aus dem Bett, was ihn aber nicht störte.

Nach einer ersten Inspektion unserer Unterkunft brachten wir die Koffer ins Haus. Unsere Kinder griffen sofort zu dem Fußball, der im Kofferraum lag. Sie mussten sich nach stundenlangem Stillsitzen bewegen. Meine Sorge galt der Glasscheibe, die als Windschutz in Richtung Meer an der Terrasse angebracht war. „Schießt den Ball bitte nicht in die Scheibe“, bat ich die beiden. „Muttiii“ – das i wurde immer besonders langgezogen, wenn sich die Söhne zu sehr kontrolliert fühlten – „keine Sorge, wir passen schon auf“, kam die Antwort. Willi packte seine kleine Musikanlage aus und ich war mit den Badutensilien beschäftigt, als der befürchtete Schlag zu hören war. Jetzt ist es doch passiert, dachte ich. Eindeutig war jede Menge Glas zu Bruch gegangen. Ich eilte nach draußen und sah Willi mit Stephen im Arm auf dem Holzboden der Terrasse sitzen. „Wir müssen zum Arzt“, sagte Willi, „Stephen ist durch die Scheibe gelaufen!“. Von der untergehenden Sonne geblendet, sah Stephen die Scheibe nicht, nur den Ball, der vor ihm auf dem Rasen lag. Willi verband die stark blutenden Wunden notdürftig und wir fuhren mit unseren blassen und geschockten Buben zu einem kleinen Laden in der Nähe. Dort, so hofften wir, wird man uns  bestimmt sagen können, wo ein Arzt zu finden ist.

Der Ladenbesitzer erklärte mir, dass übers Wochenende kein Arzt in Nordborg anzutreffen ist. Erst am Montag wieder. Sie müssen nach Soenderborg ins Krankenhaus fahren. Auf meine Frage, wie wir dort hinkommen, gab er freundlich Auskunft und sagte, dass wir etwa 30 Kilometer fahren müssen. Da in Dänemark vergleichsweise langsam gefahren werden muss, erschien uns die Fahrt endlos. Wir waren froh, als wir endlich das Krankenhaus gefunden hatten. Nachdem wir uns angemeldet und ein Formular ausgefüllt hatten, holte uns eine Krankenschwester und begleitete uns nach oben zum Operationssaal. Als mir die Schwester sagte, dass ich mit in den OP gehen darf, war ich erstaunt und erleichtert. Ich erinnerte mich daran, dass ich im Offenbacher Stadtkrankenhaus auf dem Gang warten musste, als Ralph eine Platzwunde am Kopf genäht bekam. Stephen wurde auf einen OP-Tisch gelegt und ein junger Arzt kam, um sich die Wunden anzusehen. „Das muss genäht werden“, bestätigte er und bat die Assistentin, alles vorzubereiten. Die Stimmung war erstaunlich locker, fast fröhlich. Das  gefiel mir, weil es uns beruhigte. Ich weiß nicht, wer von uns beiden aufgeregter war, während der Arzt die Schnittwunden versorgte. Am Fuß klaffte der große Zeh auseinander, am Bein war eine tiefe Wunde und auch am Arm musste genäht werden. „In zehn Tagen werden die Fäden gezogen“, sagte der Arzt, „bis dahin nicht ins Wasser gehen und Vorsicht beim Fußballspielen!“, lauteten seine Ratschläge.

Willi an der Schreibmaschine.

Am nächsten Morgen fuhren wir zu unserer Vermieterin und berichteten ihr von dem Unglück. Sie war froh, dass Stephen nicht mehr passiert war. Sie selbst hatte drei Söhne und war mit Problemen dieser Art vertraut. Die Scheibe kann man ersetzen, sagte sie und bestellte auch gleich einen Glaser. Sie erzählte uns außerdem, dass sie sich von ihrem Mann getrennt hatte und dass wir ihn nicht ins Ferienhaus lassen sollen – er habe dort nichts zu suchen. Dann lud sie uns für die kommende Woche zum Essen ein. Es wurde ein ausgesprochen angenehmer Abend. Aase, wie unsere Vermieterin mit Vornamen hieß, sprach kaum Deutsch, aber gut Englisch - und sie kochte gut. Sie fühlte sich offensichtlich in dem großen Haus etwas einsam und freute sich über die Abwechslung.

Obwohl der Beginn dieses Urlaubs nicht perfekt war, hatten wir noch vier schöne Wochen. Willi machte mit den Söhnen Ausflüge im Boot, es wurde trotz der Schnittwunden Fußball gespielt, und vieles mehr. Auch einen Ausflug ins Lego-Land machten wir. Abends gingen wir oft zum Essen aus, denn auch Mutti sollte ihren Urlaub haben. Das Angebot an guten Lokalen war reichhaltig. Besonders gerne gingen wir in ein Restaurant, das zu einem Hotel gehörte. Willi liebte das dänische Bier, auch wenn der Schaum noch im Glas stand, wenn das Bier bereits getrunken war. „Schaumstabilisator“, sagte Willi, „aber es schmeckt!“

Ralph auf Fahrrad.

Unsere Söhne bestellten auffallend oft Gerichte, die flambiert werden mussten. Unser Kellner war ein immer ordentlich gekleideter, freundlicher Mann mittleren Alters mit einer überaus großen Nase. Wenn er an unseren Tisch kam, um die Gerichte zu flambieren, wurde er von unseren Kindern aufmerksam beobachtet. Ich ahnte schon, woher das plötzliche Interesse an Flambiertem kam. Darauf angesprochen gaben sie zu, dass sie darauf warten, dass er sich die Nase verbrennt. „Den Gefallen wird er euch nicht tun, er ist gut und geschickt,  bei dem was er tut“, sagte ich. Willi meinte: „Ihr seid unmöglich, wo habt ihr das nur her?“

Auch die Arbeit wurde nicht vergessen. Willi stellte sich morgens einen kleinen Tisch und einen Stuhl vor den Eingang, packte die Schreibmaschine aus und begann zu arbeiten – im Grünen und umgeben von Blumen. Es war wie eine kleine Oase. 

Gut erholt und, besonders für Stephen, mit bleibenden Erinnerungen fuhren wir wieder nach Hause. Als wir die Schlüssel abgaben, meldeten wir uns gleich fürs nächste Jahr an.

 

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