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Über William Voltz
Biografie - Teil 35

Beruflich war die Stimmung auf dem Höhepunkt. Privat gab es, wie in jeder Familie, ein paar seelische und nervliche Durchhänger. Eines späten Abends, es war Freitag und Willi nicht zu Hause, bekam ich einen Anruf von der Polizei, die mir mitteilte, dass die Wohnung meiner Mutter abgebrannt sei. Meiner Mutter sei nichts passiert, man habe sie aber vorsichtshalber ins Krankenhaus nach Offenbach gebracht. Da Willi mit seinen Fußballfreunden, nachdem das Vereinslokal zu später Stunde geschlossen worden war, gelegentlich noch andere Lokalitäten aufsuchte, rief ich dort an, wo ich ihn vermutete. Es wurde mir versichert, dass mein Mann nicht anwesend sei. Wahrscheinlich wurde ich als nachspionierende Ehefrau abgestempelt. Bei einem Anruf im Krankenhaus wurde mir versichert, dass es meiner Mutter gut gehen würde und ich mir keine Sorgen machen müsse. Sie schläft und es reicht, wenn sie morgen früh kommen, wurde mir gesagt. 

Inzwischen war Willi zu Hause angekommen und ich berichtete ihm die Situation. Er fuhr sofort in die Wohnung meiner Mutter, die nur ein paar hundert Meter von unserem Haus entfernt lag. Als Willi dort ankam, war der Brand bereits gelöscht worden und die nötigen Arbeiten erledigt, die der Absicherung dienten. Willi besprach mit den noch anwesenden Männern der Feuerwehr die nötigen weiteren Schritte. 

Meine Mutter, die schon seit vielen Jahren gesundheitlich angeschlagen war und vor einigen Monaten auch noch an Brustkrebs erkrankte, war beim Lesen, mit einer Zigarette in der Hand, eingeschlafen. Es war genau die Situation, die ich seit langer Zeit befürchtet hatte. 

Am nächsten Morgen besuchte ich meine Mutter. Als ich ankam, stand ihr Bett noch auf dem Gang. „Wie sieht meine Wohnung aus?“, wollte sie wissen. „Das kriegen wir schon wieder hin“, beruhigte ich sie, „nur deine beiden Kanarienvögel haben es nicht überlebt.“ Kurz darauf kam eine Schwester und brachte meine Mutter zu einer anderen Dame ins Zimmer. Hoffentlich verträgt sie sich mit ihr, dachte ich. Mutter war keine bequeme Patientin, aber sie war auch hart im Nehmen. Den Schock und leichte Probleme durch den Rauch hatte sie bald überstanden!“

Heinrich Voltz bei der Marine.

Willis Eltern sahen wir selten, besonders in den Sommermonaten. Seit sie Rentner waren, verbrachten sie noch mehr Zeit auf dem Campingplatz in Kirchzell. Ab und zu standen sie unangemeldet vor der Tür – immer zur Mittagszeit, wenn ich gerade das Essen auf den Tisch gestellt hatte für meine Kinder, die hungrig von der Schule nach Hause gekommen waren und meinen Mann, der sich auf eine Schreibmaschinenpause freute. ‚Wir waren zufällig in der Nähe’, war jedes Mal die Erklärung. Es freute uns trotzdem, dass sie sich mal wieder sehen ließen. In den Wintermonaten kam das häufiger vor, da die beiden im fortgeschrittenen Alter die kalte Jahreszeit dann doch lieber in der warmen Wohnung verbringen wollten. Seit unsere Söhne aus dem Kleinkindalter herausgewachsen waren und mein Schwiegervater gute Zuhörer für seine alten Geschichten in den Buben gefunden hatte, hatte er auch ein anderes Verhältnis zu den Kindern entwickelt. Ich legte großen Wert darauf, dass ein gutes und inniges Verhältnis zwischen Großeltern und Enkeln Bestand hatte. Willi hatte gefühlsmäßig immer noch Probleme, mit seinem Vater einen herzlichen Kontakt zu pflegen. Anlass war die Zeit nach dem sehr frühen Tod von Willis Mutter. Mein Verständnis galt Willi, der sich in der schweren Zeit verlassen gefühlt hatte und vom Vater wenig Zuwendung entgegen gebracht bekam. Trotzdem wollte ich, dass wir uns als Familie fühlen konnten und die alten Dinge  zwar nicht vergessen, aber verarbeitet werden konnten. Auch ich wuchs in einer Familie auf, die von Kriegserlebnissen belastet und geprägt war. Vermutlich steigerte  dies in mir den intensiven Wunsch nach einem intakten und harmonischen Familienleben. Auch wenn es im Alltag nicht immer möglich ist, alle Vorstellungen zu realisieren, blieb es doch mein Ziel, an meinem Wunsch festzuhalten.

Heinrich Voltz, rechts, mit Kameraden.

Bei einem der häufigen Telefongespräche zwischen Willi und G.M.S. wurde auch unser nicht geplanter Sommerurlaub erwähnt. Willi erzählte von den drei Ferienwochen unserer Kinder und davon, dass wir als kleine Entschuldigung nun doch noch einen kurzen Urlaub irgendwo gemeinsam verbringen möchten, „Wir haben uns noch keine Gedanken darüber gemacht, wo es hingehen soll“, sagte Willi, „aber wir werden schon etwas finden!“  G.M.S. hatte sofort eine Idee. „Warum kommst du  nicht mal mit deiner Familie in den Bayrischen Wald? Wir machen dort seit Jahren Urlaub in einer Ferienwohnung. Das Haus gehört Bekannten aus Straubing.“  Willis Reaktion war: „Ich werde mit meiner Frau darüber reden. Ich muss hören, was sie davon hält!“ Willi kannte meine Meinung über den Bayrischen Wald, den ich noch nie gesehen hatte. ‚Da fahren wir hin, wenn wir Rentner sind!’, so dachten wir beide. Wir änderten unsere vorgefertigte und unbegründete Meinung und baten GMS, für uns bei seinen Bekannten in dem Haus in Rabenstein, bei Zwiesel, eine Wohnung zu mieten. Er war über unsere Entscheidung sehr erfreut und berichtete uns, dass er und seine Frau ebenfalls zu dieser Zeit in Rabenstein sein werden. 

Heidrun Scheer, Inge Voltz und der gemeinsame Steuerberater.

Ein besonderes Ereignis des Jahres 1978 war der fünfzigste Geburtstag von Karl Herbert Scheer. Er feierte in seinem Haus in Friedrichsdorf und lud zu diesem besonderen Anlass einige Freunde ein. Auch wir nahmen die Einladung gerne an. Willi überreichte an diesem Abend Herbert den ersten Silberband mit dem Titel „Die dritte Macht“. Es handelte sich allerdings nur um einen so genannten Blindband, der aus dem Umschlag und ein paar leeren Seiten bestand. Auf eine davon hatte Willi eine Widmung geschrieben. Die Mühe, die sich Familie Scheer gemacht hatte, wurde mit der Zufriedenheit der Gäste belohnt. Wir hatten alle einen wunderschönen Abend.

PERRY RHODAN Silberband Nummer 1 war nun in der Verantwortung der Druckerei, die sich in Ulm befand. Anfang September sollte das Buch für die Leser erhältlich sein. Der Verlag hatte sich noch etwas Besonderes ausgedacht. Die beiden Gründungsautoren Karl Herbert Scheer und Clark Darlton sollten gemeinsam mit William Voltz die ersten zehn- bis fünfzehntausend Bücher signieren. Willi fuhr nach Ulm und traf sich mit seinen Kollegen zum Marathon-Unterschreiben. Walter (Clark Darlton) und Willi schafften das vorgegebene Pensum, K.H.Scheer gab nach ein paar Tausend Exemplaren mit einer Sehnenscheidenentzündung auf, fuhr nach Hause und begab sich in ärztliche Behandlung.

Willis Widmung für KHS.

Die Sommerferien hatten schon Halbzeit, als wir uns endlich auf den Weg in den Bayrischen Wald begaben. Es war die erste längere Fahrt mit unserem neuen Auto. Vor etwas mehr als zwei Jahren hatte sich Willi nach unserem Alfa-Fiasko für eine seriöse Marke aus Bayern entschieden. Da wir sehr zufrieden waren, blieben wir dabei. Aus steuerlichen Gründen kaufte Willi etwa alle zwei Jahre ein neues Auto. „Als Schriftsteller habe ich kaum etwas zum Absetzen“, war sein Argument. Der 525er in dunkelblau metallic gefiel uns sehr gut und wir freuten uns auf die Fahrt in den Urlaub.

Günter und Gisa Schelwokat waren bereits in ihrer Ferienwohnung und übergaben uns den Schlüssel für unsere Wohnung. Sie bestand aus einem großen Wohnzimmer mit Küche, Schlafzimmer, Bad und einem großen Balkon vor dem Wohnzimmer. Das Schlafzimmer überließen wir unseren Söhnen, wir konnten die Couch im Wohnzimmer ausziehen und dort für die Nacht unser Bett richten. Alles war bestens und in Ordnung. Auch die Gegend gefiel uns. Wir sahen uns an, und ohne etwas zu sagen, wussten wir, was der andere dachte – wir freuten uns auf die paar Tage und wollten sie genießen. Die Gegend lud zu Spaziergängen ein. Dreistündige Wanderwege mit fantastischem Ausblick lassen einen echten Wanderer wahrscheinlich nur schmunzeln. Wir hatten den Eindruck, dass wir etwas geleistet hatten und erkannten, dass der Bayrische Wald sehr schön war. Schelwokats waren begeisterte Pilzsammler und nahmen uns mit, wenn sie  ‚in die Pilze gingen’. Herr Schelwokat erklärte unseren Kindern, dass man Pilze nicht einfach herausreißen darf. Er zeigte, wie man sie abschneidet und legte sie dann in den mitgebrachten Korb. Die Ausbeute war noch nicht sehr reichhaltig, was daran lag, wie GMS erklärte, dass es noch zu früh sei. „Im Spätsommer und Frühherbst, wenn der Boden feucht ist, findet man hier mehr Pilze als man essen kann“, belehrte er uns. Etwas enttäuscht berichtete er noch, dass unsere Vermieter die pilzreichsten Gegenden hier kennen, dass sie aber nicht bereit seien, diese zu verraten.

Der Morgen begann jeweils damit, dass ich fürs Frühstück sorgte. Der erste Weg war zum Bäcker, der auch einiges an Lebensmitteln verkaufte. Der Laden war am Ende einer sehr steilen Straße. Eine Verschnaufpause nutzte ich immer für einen Blick in die schöne Gegend. Die prall gefüllten Blumenkästen an den Balkons ließen mich vor Neid erblassen. Einfach schön, dachte ich. Alles wirkt so friedlich. Die sommerliche Morgenstimmung hatte eine positive, beruhigende Wirkung.

Unsere beiden neun und zehn Jahre alten Söhne hatten viel Spaß beim Erkunden des Bayrischen Waldes. Ganz in der Nähe war ein Bach, der nicht ausgelassen werden durfte. Im Wasser fanden sie einen alten Stahlhelm, der vermutlich im 2.Weltkrieg den Kopf eines Soldaten schützen sollte. Mit seinen Löchern und Roststellen war er zum Schutz nicht mehr geeignet; für den Rest des Urlaubs jedoch ein fast ständiger Begleiter.

Haus Bettina mit Stephen.

Für den Samstag nahm ich mir vor, mit Frau Schelwokat nach Zwiesel zu fahren, um ein paar Einkäufe zu erledigen. Die beiden großen Männer nahmen die zwei kleinen mit zu einem Spaziergang. Als wir von unserem Einkauf zurück kamen, sahen wir, dass auch die Herren auf dem Rückweg waren. Unser Auto parkte ich auf dem ersten Stellplatz, da der hintere, den wir vorher hatten und auch lieber benutzten, inzwischen besetzt war. Die einzige Garage hatten Schelwokats gemietet. „Hast du etwas Gutes zum Essen mitgebracht? Wir haben Hunger!“, wurde ich empfangen. Ich drückte jedem eine Einkaufstüte in die Hand und versprach, gleich etwas gegen den Hunger zu tun. Wir verabschiedeten uns von Schelwokats, die im Parterre wohnten, und wir gingen nach oben.

Ich war noch damit beschäftigt, die Einkaufstüten auszupacken, als ein fürchterlicher Krach uns regelrecht erstarren ließ. Es dauerte einen Moment bis wir reagierten. Willi rannte zur Tür, um zu sehen, was da passiert war. Ich lief hinter ihm her und sagte den Kindern, dass sie in der Wohnung bleiben sollen. Willi lief über den Gang in Richtung Straße. Abrupt blieb er stehen, drehte sich zu mir um und sagte: „Bleib´ wo du bist!“ Er ging weiter – und ich natürlich auch.  

Ralph mit Helm.

Was damals in uns vorging, als wir erkannten was passiert war, ist schwer wiederzugeben. Der Platz, auf dem vor ein paar Minuten unser schönes neues Auto gestanden hatte, war nun besetzt von einem Schaufelbagger beträchtlicher Größe. Der BMW war platt! Der Fahrer des Baggers versuchte in seiner Aufregung zu erzählen, was passiert war und wie das geschehen konnte. Es stellte sich heraus, dass er von einer Baustelle kam und auf der abschüssigen Straße plötzlich feststellte, dass es ein Problem mit dem Bagger gab. Die Bremsen funktionierten nicht mehr und er konnte das Fahrzeug nicht mehr lenken. In seiner Panik sprang der Mann ab und ließ den Bagger rollen. Der fuhr geradeaus und nahm nicht die Kurve in der Straße. Das Fahrzeug rollte einen kleinen Abhang hinunter, passierte und touchierte einen Telefonmast sowie einen Zaun, um dann maßgerecht genau auf unserem Auto zu landen.

Der Mann stand unter Schock und er versprach uns, für alle Kosten aufzukommen. Als sich im Laufe des Gesprächs herausstellte, dass er „schwarz“ an einem Bau gearbeitet hatte und außerdem keine Versicherung hatte, ließ sich Willi diese Aussage schriftlich geben. Er entschied auch, dass er sich sofort ein neues Auto kaufen  und bis dahin einen Leihwagen nehmen würde. Vorsichtshalber kontaktierte Willi auch einen Anwalt, der alle Formalitäten erledigte.

Spaziergang ohne GMS und Willi.

Willi fuhr mit Günter Schelwokat nach Straubing zu einem BMW Händler. Drei Tage nach dem Unfall kam er mit einem neuen Auto zurück, bordeauxrot, kein metallic, aber neu. Wir waren nicht zufrieden mit der Veränderung,  aber glücklich, dass nicht mehr als dieser Materialschaden passiert war. Oft spielten unsere Kinder genau an diesem kleinen Abhang und was hätte passieren können, wenn wir zehn Minuten später von unserem Einkauf zurückgekommen wären… Diese Gedanken ließen mich lange Zeit nicht los. Trotz alle dem entschlossen wir uns, die Urlaubszeit, die uns jetzt noch blieb, zu genießen. Das Geschehene konnten wir nicht ändern – und es hätte schlimmer kommen können.

Als wir uns von GMS und seiner Frau verabschiedeten, wussten wir, dass dies nicht unser letzter Aufenthalt im Haus 'Bettina' gewesen sein dürfte. 

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