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Über William Voltz
Biografie - Teil 29

Die Vermieter entschieden sich für uns. Es war gut, dass sich unsere Söhne, wenn es darauf ankam, benehmen konnten. Der Umzug sollte im August des Jahres 1974 stattfinden. Stephen, der inzwischen in Offenbachs Schillerschule angemeldet war, wurde nach Heusenstamm umgemeldet. Die Einschulung war drei Wochen vor unserem Umzug, so dass ich in dieser Zeit unseren Erstklässler nach Heusenstamm fahren musste.

Einschulung von Stephen.

Da wir für dieses Jahr keinen Familienurlaub geplant hatten, entschieden wir uns dafür,  auch Ralph eine sechswöchige Erholungskur zu gönnen. Er kam nach Bad Tölz.
Mit Hilfe unserer Freunde bewältigten wir unseren Umzug in unser gemietetes Häuschen. Notwendige Renovierungsarbeiten wurden von einem Sportfreund von der Rosenhöhe erledigt. Willi konnte man zu solchen Arbeiten nicht mehr überreden. Nach unseren bisherigen Erfahrungen war das ganz bestimmt auch die bessere Entscheidung.
Das Schlimmste war überstanden und alles stand an seinem Platz. Ralphs Kur war beendet, und diesmal durfte Willi nachts nach Offenbach fahren, um unser Kind vom Bahnhof abzuholen. Wir freuten uns darauf, endlich wieder als Familie komplett zu sein. Die Begrüßung fiel jedoch anders aus als erwartet. Mein Sohn, den ich nach wochenlanger Abstinenz gerne geknuddelt hätte, sah mich nur wortlos an – mit einem Blick, der mir unter die Haut ging. Nach ein paar Sekunden drehte er sich um und ging in das Zimmer, das von nun an sein Schlafzimmer sein sollte. Ich hatte den dringenden Verdacht, dass diese sechs Wochen nicht das waren, was Ralph sich vorgestellt hatte. Am nächsten Morgen, nach der fälligen, herzlichen Begrüßung und einem gemeinsamen Frühstück, sah die Welt wieder besser aus.
Wir lebten uns schnell ein. Unsere Söhne waren inzwischen, wie ihr Vater, Mitglieder bei der Sportgemeinschaft Rosenhöhe.  Die Mitgliedsausweise wurden an unsere neue Adresse in Heusenstamm, Finkenstrasse 60, geschickt. Ich öffnete den Umschlag und stellte fest, dass auf allen Ausweisen eine falsche Hausnummer stand. „Willi“, sagte ich, „sieh´ dir das an. Die haben die falsche Hausnummer auf die Pässe gedruckt!“ Anstelle der 60 war eine 25 vermerkt. Niemand  konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass wir fünf Jahre später tatsächlich in das Haus mit der Nummer 25 ziehen würden. Ein merkwürdiges Versehen. Immerhin gibt es ca. achtzig Häuser in der Finkenstrasse.

Mitgliedsausweis der SG Rosenhöhe.

Willi war froh,  dass er sich wieder intensiver seiner Arbeit widmen konnte. Für die PERRY RHODAN-Serie hatte er inzwischen folgende Manuskripte an den Verlag geliefert:
Nr. 663 „LETICRON" (Leticron, der Überschwere)
Nr. 667 „WÄCHTER DES EWIGEN“ (Schatten aus Andromeda)
Nr. 678 „ZEUS ANNO 3460“  
Nr. 686 „DIE FLOTTE DER TOTEN“ (Das Imperium der 22000 stählernen Kugeln)
Nr. 687 „BEGEGNUNG IM CHAOS“ (Wiedersehen im Mahlstrom)
Nr. 696 „BOTSCHAFTER DES FRIEDENS“(Paradies)
Nr. 697 „IM INTERESSE DER MENSCHHEIT“ (Hölle)
Für die DRAGON-Serie schrieb Willi Band Nr. 39 „DIENER DES WINDES“

Der Cheflektor Kurt Bernhardt war nach dreizehn Jahren PERRY RHODAN engagiert und interessiert wie am ersten Tag. Es hatte den Anschein, dass ihm nichts entging. Im September 1974 verschickte er ein zweiseitiges Rundschreiben an alle Autoren, sowie G.M Schelwokat und den Geschäftsführer Blach.

Unter Punkt 1 schrieb er: Verschiedene Vorkommnisse veranlassen uns, darauf hinzuweisen, daß alle Perry Rhodan-Autoren künftig ohne Ausnahme keine Interviews über die Perry Rhodan- bzw. Atlan-Serie gegenüber Rundfunk, Fernsehen und Presse geben, ohne hierfür die Genehmigung der Geschäftsleitung einzuholen…  Er gab Anweisung, was in Zukunft zu tun oder zu unterlassen sei.

In Punkt 2 ging es um Band Nr. 700. Hierzu schrieb Bernhardt:  Die neue Richtung von Perry Rhodan ab Nr.700 soll der Serie durch die menschlichen und gesellschaftlichen Probleme neue Spannungseffekte geben. Diese neue Linie verlangt aber auch von allen Autoren ein stärkeres Engagement als bisher und ein intensives Einfühlungsvermögen für das Handlungsgeschehen. Gefahrenpunkte für die Autoren sind u.a. die Darstellung der Lebensprobleme und der differenzierten Figuren. Es dürfen nach wie vor in den Perry Rhodan-Romanen keine Schilderungen oder plumpe Andeutungen über den Sex vorkommen. Herr Schelwokat ist angewiesen, hierauf zu achten…

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Brief von Kurt Bernhardt, 10.9.1974.

Punkt 3 beinhaltete seinen Wunsch, das Exposé Nr.702 umzugestalten. Bernhardt hatte bereits mit Willi darüber gesprochen.  Er schrieb: Nur zu Ihrer Information: In den Stummhäusern können die alten Leute nicht getötet werden. Ein solches Thema kann man eventuell in einer literarischen Buchausgabe bringen, aber nicht in einer Unterhaltungsheftreihe.  Wenn die Autoren daher dieses Exposé lesen, dürfen sie keinen falschen Eindruck gewinnen. Die alten Leute werden in einem frustrierten Zustand in diesen Stummhäusern leben, ganz auf sich angewiesen und in vollständiger Einsamkeit.

Band Nr.700 war ein weiterer Meilenstein für die PERRY RHODAN-Serie und alle daran Beteiligten. Am 10.9.1974 schrieb Bernhardt an Willi.

Willi hatte die Idee, dass, beginnend mit Nr.700, ein Lexikon erscheinen sollte. Klaus Mahn (Kurt Mahr) hatte sich bereit erklärt, diese Aufgabe zu übernehmen. Seit Klaus Mahn wieder in Deutschland wohnte, hatte sich ein guter Kontakt zu Willi entwickelt, der einen regen Gedankenaustausch zur Folge hatte.  Am 20.September beantwortete der Cheflektor Willis Anfrage:
…ich komme heute auf Ihr Schreiben vom 18.d.M. zurück und bin damit einverstanden, daß Herr Mahn ab Nr.700 eine Seite Lexikon über Perry Rhodan veröffentlicht. Auch bin ich damit einverstanden, daß jeweils ein oder zwei Begriffe, die sich aus dem betreffenden Roman ergeben, behandelt werden. Eine Kopie dieses Schreibens geht an Herrn Mahn und Herr Mahn soll mir bitte darauf antworten.

Am 23.10.1974 verschickte Kurt Bernhardt ein Rundschreiben an alle Autoren. Thema war das geplante  PERRY RHODAN-Jahrbuch 1974/75. Er beklagte, dass die Autoren, die von Willi in Kenntnis gesetzt worden waren, noch nicht reagiert hatten. Jeder Autor sollte einen Beitrag in Form einer Kurzgeschichte leisten.

Bernhardt schrieb: Ich bin der Auffassung, ein Story-Wettbewerb ist für alle Autoren nicht nur interessant, sondern gibt dem Jahrbuch d e n Pfiff, um die PERRY RHODAN-Serie mit neuen Impulsen zu versehen. Letzten Endes will doch jeder Autor noch in den nächsten 10 Jahren für PERRY RHODAN schreiben, und dafür muß man auch etwas tun, auch die Autoren. 

Im weiteren Verlauf seines Schreibens forderte er die Autoren zur verstärkten Mitarbeit auf:
Lange Jahre haben die Autoren immer wieder kritisiert, daß sie nicht ab und zu nach eigenen Ideen PERRY RHODAN-Romane schreiben dürfen. Nun macht es der Verlag möglich, und nun warten wir vergeblich auf Ihre Kreativität, die ausschließlich nur dem Nutzen der PERRY RHODAN-Serie dienen soll. Vergessen Sie nicht, wir stehen vor der 700. Nummer, und jeder Autor muß etwas dafür tun, daß wir wenigstens die 1000. Nummer erreichen…

Bernhardt drohte auch an, dass die Verlagsleitung das monatliche Fixum (z.B. Telefongebühren) streichen würde, wenn praktisch keine Telefongespräche mit Herrn Scheer oder Herrn Voltz zur Koordination von PERRY RHODAN geführt werden.
Das Jahrbuch war auch noch ein Thema im Schreiben vom  17.Dezember 1974.

Willi als Weihnachtsmann.

Wie immer in der Vorweihnachtszeit fanden im Sportlerheim der Sportgemeinschaft Rosenhöhe die Weihnachtsfeiern statt. Für die Kinder kam der Nikolaus an einem Sonntag Anfang Dezember. Die Bescherung  der Erwachsenen fand an den Samstagen in der Vorweihnachtszeit statt. Da Willi nicht nur bei den „Alten Herren“ als Spieler aktiv war, sondern auch bei der 1. Mannschaft und der Reserve als Spielausschuss, waren die Wochenenden vor Weihnachten regelmässig ausgebucht. Wir wollten keine dieser Feiern vermissen.  Nicht in jedem Jahr stand ein Weihnachtsmann zur Verfügung.  Willi, der gerne seinen Teil zur Vereinsarbeit beitragen wollte, sagte selten „nein“, wenn man ihn um einen Gefallen bat. „Du bist doch den ganzen Tag zu Hause – du hast doch Zeit...“, meinten seine Vereinskollegen.
„Ich frage mich, welche Vorstellungen manche Leute von meiner Arbeit haben“, sagte er zu mir – und deligierte einige Aufträge an mich. Als Willi gebeten wurde, als Weihnachtsmann für die 1. und 2. Mannschaft aufzutreten, gab es viel zu organisieren. Auch wollte er für jeden einzelnen Spieler und alle anderen Beteiligten einen passenden Spruch haben. Am Tag der Weihnachtsfeier sagte er morgens zu mir, dass er noch die Sprüche für die Feier machen müsse. Diese Mitteilung löste in mir leichtes Entsetzen aus. „Ich krieg’ das schon hin“, meinte Willi. Und so war’s dann auch. Der Abend sollte ein sehr gelungener werden. Auch für mich hatte mein Mann einen Spruch bereit. Er kam zu mir an den Tisch und bedankte sich für meine Unterstützung und Geduld. Seinen Vers beendete Willi mit den Worten: „...er hat Dich lieb – Dein Weihnachtsmann!“ Die Überraschung war gelungen und wurde noch durch einen wunderschönen Strauss roter Rosen gesteigert.  Mit einer solchen Geste hätte ich nicht gerechnet. Der an mich gerichtete Spruch war zwar „typisch Willi“ und eine Liebeserklärung, die so nur von ihm kommen konnte; ich hätte jedoch nie erwartet, sie in der Öffentlichkeit von ihm zu hören.

Weihnachtsfeier auf der Rosenhöhe.

Wie immer zu solchen Feierlichkeiten wurde eine Tombola aufgebaut. Viele Spenden wurden gemacht und so manches gute, alte Stück vom Dachboden geholt. Der Gewinn kam der Vereinskasse zu Gute. Als ich mir den Tisch mit den Preisen ansah, entdeckte ich ein Teil, das mir bekannt vorkam. „Ach“, sagte ich zu Willi, “sowas haben wir doch auch zu Hause!“ „Jetzt nicht mehr“, antwortete Willi und zog sich zurück, bevor ich reagieren konnte.

Trotz seines ausgeprägten und zeitweise mit Arbeit verbundenen Privatlebens kam bei William Voltz die schriftstellerische Tätigkeit nicht zu kurz. Was zu oft vernachlässigt wurde, war die Nachtruhe. Nein, Romane wurden nachts keine geschrieben; aber oft darüber nachgedacht, wie es mit PERRY RHODAN weitergehen soll. Auch die Abende für den Verein mit Training und Spielersitzungen trugen nicht dazu bei, dass mein Mann genug Schlaf bekam.

Nach einem Gespräch mit Herbert (KHS) erzählte mir Willi, dass dieser ihn gebeten hatte, für seine ZbV-Serie einen Band zu schreiben. Herbert wusste, dass diese Serie nicht Willis Richtung entsprach, brauchte aber dringend Unterstützung. Für drei Romane war bereits Kurt Mahr als „Ghost Writer“ eingesprungen. In den Taschenbüchern wurde KHS als Autor genannt, der jedoch nur die Exposés zu diesen Romanen verfasst hatte. Willi versprach, ZbV betreffend, einmalige Hilfe. Allerdings stellte er die Bedingung, dass der Roman unter seinem Namen erscheinen solle.  ZbV Nr. 30, mit dem Titel „ALPHACODE HÖHENFLUG“, erschien im Jahr 1975 und blieb Willis einziger Roman für diese Reihe.

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