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Über William Voltz
Biografie - Teil 27


Reise nach Prag

von Siegfried Riebow

Im Sommer 1973 erhielten wir, die Fußballer der SG Rosenhöhe, eine Einladung zu einem Tournier nach Prag. In die Freude mischte sich ein etwas flaues Gefühl im Magen, ging es doch in den bei Allen recht unbekannten Ostblock. Hinter den so genannten „Eisernen Vorhang“.

Die nächste Frage, die sich für Willi und mich stellte war, wie können wir unser Taschengeld für die Tage in Prag aufbessern.

Von so genannten Insidern wurde uns gesagt, 1 zu 10 (DM gegen Kronen) wäre zurzeit der inoffizielle Kurs.

Na das hörte sich doch schon ganz gut an.

Weiter wurde uns erzählt, Lederjacken wären sehr beliebt und gesucht.

Ich machte mich gleich auf die Suche nach einer guten und preiswerten Jacke.

Bei Neckermann in der Frankfurter Straße wurde ich fündig. Willi wollte mich vom Kauf der Jacke abhalten.

„Höre auf deinen älteren Freund, wir kommen auch ohne die Jacke zurecht.“, sagte er mir.

Dieser Angeber, wegen der acht Tage die er älter war, blieb ich immer der Jüngere und Kleinere von uns beiden. Was ja auch stimmte.

Die Jacke kaufte ich trotzdem.

Es kam der Tag der Abreise nach Prag.

Bis zur Deutsch-Tschechischen-Grenze ging es mit dem Bus recht zügig voran. An der tschechischen Grenze mussten wir trotz offizieller Einladung eine zeitaufwendige und nervende Kontrolle über uns ergehen lassen.

Wir waren noch nicht lange aus dem Blickfeld der Grenzposten, da kam der erste Stopp und ein illegaler Geldwechsler bot uns seine Dienste an.

Sein Angebot lag bei 1zu 8, angeblich der zurzeit bestmögliche Kurs.

Für Willi und mich natürlich nicht der Diskussion wert, hatten wir doch bessere Informationen.

Das Thema Geldumtausch begleitete uns von jetzt an bis zu unserer Rückreise auf Schritt und Tritt. Ob auf der Straße, im Hotel, im Restaurant, im Fahrstuhl, ja selbst auf der Toilette wurden wir immer wieder zwecks Geldumtausch angesprochen.

Aber keiner bot den von uns gewünschten Kurs.

Am nächsten Tag machten Willi und ich einen Bummel durch die Altstadt und über den Wenzelsplatz und siehe da, unsere Geduld und das lange Warten wurden endlich belohnt.

Wir zwei schlauen Scheitelträger, so wurden wir von vielen bei der SGR genannt, fanden einen Geldwechsler, der den von uns gewünschten Kurs von 1 zu 10 akzeptierte.

Ab in eine kleine dunkle Gasse, wir geben jeder 100 DM und erhalten je einen Schein über 1000 Kronen.

Zufrieden setzten wir unseren Bummel fort, um später in das Café des Grand Hotels einzukehren.

An unserem Nebentisch saßen vier ältere Herren und die übliche Frage, „Wollen Sie noch tauschen?“, ließ nicht lange auf sich warten.

Wir kamen mit den Herren ins Gespräch, sie sprachen sehr gut deutsch, und auf die Frage, wie wir getauscht hätten, kam unsere stolze Antwort: 1 zu 10.

Die vier Herren antworteten fast gleichzeitig, das sei zurzeit nicht möglich, 1 zu 8 wäre der höchstmögliche Kurs.

Im laufe der Gespräche stellte sich heraus, dass die Vier den illegalen Geldumtausch der Stadt kontrollierten und das Café im Grand Hotel wohl ihr Hauptstützpunkt war. Es wechselten ständig größere Geldbeträge die Besitzer.

Unsere Zeit zum Bezahlen war gekommen.

Kaum hatten wir unsere Kronen hervor geholt, kam vom Nebentisch schon die Frage: „Ist das das Geld welches Sie erhalten haben? Geben Sie mir mal den Schein.“ Ehe wir reagieren konnten, war das Geld in der Mitte durchgerissen.

Unser Erstaunen war groß und nur der Respekt vor dem Alter der Herren ließ uns von einer schnellen unüberlegten Reaktion abstand nehmen.

Mit der Bemerkung: „Mehr ist das Geld nicht wert! Seit 1948 gibt es in der Tschechoslowakei keine 1000 Kronen-Scheine mehr.“, erhielten wir die Teile zurück.

Oh wir zwei schlauen Scheitelträger……

Die Entrüstung – ob gespielt oder echt – der Herren über ihre ach so schlechten Landsleute war recht groß und es kam die Frage: Was machen wir jetzt? Willi und ich sahen uns, wie wir es oft getan haben, kurz an und ohne lange zu reden waren wir uns einig.

Willi rief die Kellnerin und bestellte sechs Cognac.

Die Überraschung war uns gelungen.

Ich glaube, zum ersten Mal an diesem Tag herrschte am Nebentisch absolute Ruhe.

Tauschen mussten wir natürlich auch noch, leider nur 1 zu 8.

Selbstverständlich behielten wir unser Missgeschick vor allen Mitreisenden aus Offenbach für uns. Erst Wochen später gaben wir unsere ‚tolle Umtauschaktion’ bekannt.

Hohn, Spott und Schadenfreude waren entsprechend groß – aber auch das haben wir verkraftet.

Den 1000 Kronen-Schein habe ich, nicht nur zur Erinnerung an unser gemeinsames Erlebnis, noch heute.

Übrigens, die bei Neckermann gekaufte Lederjacke musste ich noch lange selber tragen.

Wenn die Tschechen zu dieser Zeit etwas im Überfluss hatten, waren es Geschäfte mit Lederjacken.

Fußball gespielt haben wir auch, aber der gesammelte Erfahrungswert dieser Reise ist nachhaltiger und von bleibender Erinnerung.