Award
Über William Voltz
Biografie - Teil 26

In unserem Urlaubscamp wohnten noch zwei Familien mit Kindern. Ein Ehepaar kam aus München. Sie hatten einen schulpflichtigen Sohn und eine kleinere Tochter. Die späte Ferienzeit in Bayern erlaubte es der Familie, dem Olympia-Stress entgehen zu können. 1972 war das große Jahr der Olympischen Sommerspiele in München. Da es Zeitungen auch in unserem abgelegenen Urlaubsort gab, hörten wir bald von den tragischen Ereignissen des 5. September.
Palästinensisches Kommando - israelische Mannschaft – Befreiungsversuch – 17 Tote. Tragische Ereignisse, die unsere Urlaubsstimmung auf traurige Weise beeinflussten.

Die letzte Urlaubswoche verbrachten wir alleine in unserem Camp. Wenn wir abends auf der Terrasse saßen, Karten oder Mensch ärgere dich nicht mit den Kindern spielten, hörten wir merkwürdige Geräusche. Der Wind trug seinen Teil dazu bei. Das „Gekraschpel“ jedoch, das über uns zu hören war, beunruhigte uns. Willi nahm einen Besenstiel und stocherte im Stroh herum. Was wir zu sehen bekamen beruhigte uns in keiner Weise, sondern bestätigte unseren anfänglichen Verdacht – Ratten. „Die warten schon darauf, dass wir endlich verschwinden“, sagte Willi, „dann können sie wieder ins Haus!“
Wir entschuldigten uns für unser Eindringen und baten um ein paar Tage Geduld.

Der Tag der Abreise nahte und wir freuten uns auf zu Hause. Willi hatte tatsächlich drei DRAGON – Romane fertig gestellt. G.M. Schelwokat wartete mit Sicherheit in Straubing auf Willis Nachricht, dass er ihm die Romane auf dem Nachhauseweg abliefern würde.

Wir fuhren früh los, und planten, am Abend im Norden Jugoslawiens zu übernachten. In Thessaloniki herrschte viel Verkehr. Die Menschen fuhren mit ihren Autos, Fahrrädern und Mopeds zur Arbeit oder standen in größeren Gruppen an den Bushaltestellen. Als wir aus der Stadt hinausfuhren, drehte ich mich um, damit ich noch einen letzten Blick auf das Treiben in dieser großen Stadt werfen konnte. Was ich erblickte, lies keine Freude aufkommen. Aus dem Auspuff unseres Sorgenkinds Alfa kamen dicke, schwarze Rauchwolken. Wir kehrten um und fuhren direkt zurück zum Reisebüro. Wir waren sehr froh darüber, dass wir noch in der Stadt waren und nicht irgendwo in einer unbelebten Gegend. Freundlich und hilfsbreit, wie wir es von den Griechen inzwischen gewöhnt waren, brachte man uns in eine nahe liegende Werkstatt. Es sollte etwa zwei Stunden dauern, bis man uns sagen konnte, um welchen Fehler es sich handelt und wie lange es dauern würde, diesen zu beheben.

Inzwischen war es Mittagszeit und der Hunger meldete sich. Wir wollten uns nicht zu weit von der Werkstatt entfernen und gingen in ein kleines Lokal gleich gegenüber. Auf den ersten Blick sah alles so aus, wie in jedem anderen, einfachen Lokal auch. Tische mit Plastikdecken, Stühle, keine Theke, dafür aber mitten im Lokal etwas, das aussah wie eine Miniküche, die durch eine Glaswand abgetrennt war.
Willi und die Kinder setzten sich an einen Tisch, während ich erst einmal einen anderen Platz aufsuchen wollte. Auf dem Weg dorthin kam ich an dieser Glaswand vorbei und sah einen Mann, der damit beschäftigt war, etwas helles fleischiges zu zerkleinern, das mich an das Futter erinnerte, das ich als Kind für unseren Hund kaufen musste. Dahinter stand eine Frau vor einem riesigen Topf und rührte mit einem großen Kochlöffel darin herum. Das von dem Mann klein geschnittene landete in dem großen Topf. Mir war klar, dass ich davon nichts essen möchte.
Als ich an den Tisch zurückkam, fragte ich Willi, ob man ihm eine Speisenkarte gebracht hätte. „Nee“, meinte er, „es gibt hier nur ein Gericht. Ich glaube es ist eine Suppe.“ Wir bezahlten die bestellte Limonade und verließen das Lokal.

In der Werkstatt konnte man uns inzwischen sagen, dass die Reparatur bis zum nächsten Tag dauern würde, weil man Teile besorgen musste. Wir bestellten ein Taxi, luden das Auto aus und fuhren zu dem kleinen Hotel, das wir bereits kannten. Wir bekamen dasselbe Zimmer wie zuvor und die Kinder bestellten sich Spaghetti mit Fleischsoße, wie beim letzten Mal.

Willi kam der zusätzliche Ferientag gelegen, weil er seit Tagen eine Bronchitis hatte und sich nicht sehr gut fühlte. Nach dem zusätzlichen Ferientag in Thessaloniki fuhren wir am nächsten Morgen per Taxi zurück zur Werkstatt und konnten unser Auto abholen. Der freundliche Mann vom Reisebüro übersetzte uns die Instruktionen, die uns der Werkstattleiter mit auf den Weg gegeben hatte.
Nach ca. 500 Kilometern musste eine stimmte Schraube noch einmal angezogen werden.
Wir hofften darauf, eine Werkstatt zu finden, die das für uns erledigen konnte.

Der Alfa fuhr und es kamen keine schwarzen Rauchwolken aus dem Auspuff.
Nachdem wir annähernd die 500 Kilometer zurückgelegt hatten, suchten wir eine Werkstatt.
Wie wir befürchtet hatten, war das gar nicht so einfach. Als wir die Hoffnung fast schon aufgegeben hatten, doch noch eine Werkstatt zu finden, sah ich ein Schild am Straßenrand, auf dem „Peugeot“ stand. Willi bog in die angegebene Straße ein und tatsächlich war da eine kleine Werkstatt. Es beruhigte Willi sehr, als er feststellen konnte, dass einer der dort arbeitenden Männer etwas deutsch sprach.

Da sich Willi immer noch nicht wohl fühlte, entschlossen wir uns zu einer zusätzlichen Übernachtung. Wir fanden ein Hotel, das unseren Vorstellungen entsprach - entsprechen musste, denn eine Auswahl gab es auch nicht. Willi wollte nicht mit uns zum Essen ins Lokal gehen. „Ich ruhe mich lieber aus“, sagte er. „Aber Du kannst mir etwas bestellen und aufs Zimmer bringen lassen. Nicht viel, vielleicht einen Käsetoast.“
Er bekam in einem Körbchen den Toast serviert, jedoch ohne Käse.

Am nächsten Morgen, Willi ging es etwas besser, fuhren wir weiter in Richtung Norden und übernachteten noch einmal in Llublijana. Was uns sehr erfreute war das Essen in diesem familiär geführten Haus. Es erinnerte schon etwas an die deutsche Küche und wir ließen uns Schnitzel, Kartoffeln und Gemüse schmecken als hätten wir wochenlang von Wasser und Brot gelebt.

Dragon Titelbild
Cover – Dragon, Band 1.

Wir fuhren durch Österreich und kamen am Nachmittag in Deutschland an. GMS erwartete uns bereits. Per Postkarte hatte Willi mitgeteilt, wann wir etwa in Straubing eintreffen würden. Nun waren Willi und die DRAGON Romane schon zwei Tage überfällig. Von einem öffentlichen Telefon aus hatte Willi GMS angerufen und beruhigt, indem er ihm berichtete, dass er mit den Romanen noch an diesem Nachmittag bei ihm eintreffen werde.

Willi, der immer darauf bedacht war, niemanden unnötig zu belasten, besonders nicht mit seinen Kindern, meinte, dass es wohl besser sei, das kinderlose Ehepaar alleine aufzusuchen. Er setzte uns an der ersten Kneipe am Stadtrand von Straubing ab mit dem Versprechen, bald wieder zurück zu sein. Stephen und Ralph wünschten sich Kartoffelsalat, Würstchen und Limonade. Als alles vertilgt war, aber Willi noch nicht zurück, entschloss ich mich, mit den Kindern spazieren zu gehen. Wieder musste ich die Geduld meiner Kinder bewundern. Ich war weniger begeistert von der Unterbrechung der Heimfahrt. Endlich sah ich unseren Alfa ankommen.
„Schelwokats möchten, dass ich euch zu ihnen nach Hause bringe“, sagte Willi.
„Das hätten sie früher haben können!“, war meine etwas nervöse Reaktion.
„Sie wollen außerdem mit uns heute Abend essen gehen. Herr Schelwokat ist ganz begeistert davon, dass ich ihm die Romane abgeliefert habe!“
Wir fuhren in die Obere Bachstrasse und wurden von Schelwokats sehr freundlich empfangen. Nachdem sie fast alles über unseren Abenteuerurlaub wussten, fuhren wir zu einem italienischen Restaurant, aßen gut und durften dann endlich nach Hause fahren.

Todmüde kamen wir in Offenbach an. Ich brachte die Kinder ins Bett und Willi packte das Auto aus.
Am nächsten Morgen, erstaunlich früh, war Willi wach und ließ mich wissen, dass er zur Alfa Vertretung fahren würde, um sich ein neues Auto zu kaufen.
„Muss das unbedingt heute sein?“ war meine Reaktion.
„Ich habe ein ungutes Gefühl. Ich glaube, dass es besser ist, das Auto los zu werden“, war seine Antwort.
Sofort nach dem Frühstück fuhr er los. Ein paar Stunden später kam er zurück und ließ mich wissen: „Da unten steht unser neues Auto!“
Als ich auf unserem gemieteten Parkplatz im Hof das neue Auto sah, war ich entsetzt. „Das ist ja eine schreckliche Farbe. Ockergelb!“ Meine Abscheu gegen diese Farbe war mir deutlich anzusehen.
„Es war das einzige Auto, das ich sofort mitnehmen konnte. Es hätte Wochen gedauert, bevor wir ein Auto nach Wunsch hätten bekommen können.“
Ich fand mich mit der Situation ab.

Genau vier Wochen nach unserer Rückkehr aus Griechenland rief der Besitzer des Autohauses bei Willi an. Nach dem Gespräch kam er, etwas blass, zu mir in die Küche.
„Weißt Du was“, sagte er, „Herr Schneider von Alfa rief gerade an. Er sagte mir, dass ich froh sein solle, das Auto rechtzeitig verkauft zu haben. Er hatte einen Anruf vom neuen Besitzer. Der Motor sei explodiert und ihm um die Ohren geflogen…“

Ich machte mir von da an keine Gedanken mehr um die Farbe unseres neuen Alfas.
Vielleicht gibt es doch so etwas wie Vorahnungen…

link Top

link Teil 25
link Teil 27