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Über William Voltz
Biografie - Teil 25
Restaurant in Thessaloniki.

Dirk bezog ein Einbett-Apartment im mittleren Teil unserer aus zehn Häuschen bestehenden Urlaubsanlage. Der Besuch und die damit verbundene Abwechslung kamen uns sehr gelegen. Willi freute sich darüber, dass er einen Freund hatte, mit dem er abends auch mal ein Bier trinken gehen konnte.
Als wir erfuhren, dass Dirk geplant hatte, für ein paar Tage nach Athen zu fliegen, stimmten wir seinem Vorschlag, ihn zu begleiten, sofort zu.

Bevor wir diese Reise antraten, machten wir noch einen Ausflug nach Thessaloniki. Wir fanden ein schönes Restaurant, an einen Hügel gebaut und mit Blick aufs Wasser. Als uns dann noch ein sehr gutes Fischgericht mit wunderbaren Beilagen serviert wurde, kamen wir in die richtige Urlaubsstimmung. Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch die interessante Hafenstadt besuchten wir das Reisebüro, buchten unseren Flug nach Athen und wurden vom Freund der Familie Hess nach Hause eingeladen.

Wir freuten uns auf Athen. Es sollte nach einem Ausflug unserer Kegler, der uns an Pfingsten ’72 für eine Woche nach Mallorca gebracht hatte, mein zweiter Flug werden. Willi hatte nach seiner Thailand-Reise schon etwas mehr Flugerfahrung.

Besuch beim Griechen: Dirk Hess, Inge Voltz, Willi.

Wir packten unsere Koffer und fuhren einen Tag vor dem Abflug nach Thessaloniki. Auf Empfehlung des Reisebüros übernachteten wir in einem Hotel, in dem wir uns wohl fühlten. Kinder waren überall gerne gesehen, und das kam uns sehr entgegen. Es sollte nicht unser letzter Besuch in diesem Hotel gewesen sein. Am nächsten Morgen fuhren wir zum Flughafen. Es überraschte uns, dass wir nach dem check in hinter einer provisorisch aufgestellten Wand nach Waffen abgesucht wurden. Als einige Wochen nach unserem Griechenlandaufenthalt genau in diesem Terminal eine Bombe gezündet wurde und Menschen dabei ums Leben kamen, wurde uns die Notwendigkeit dieser Maßnahme bewusst. Allerdings musste man auch erkennen, dass sie keine Garantie für Sicherheit bietet.

Wir flogen mit OLYMPIC AIRLINES, die dem damaligen Reeder Aristoteles Onassis gehörte, nach Athen. Während des etwa zweistündigen Fluges machte uns der Pilot darauf aufmerksam, dass wir uns über der Insel Skorpios befinden würden und möglicherweise Jackie (Kennedy), die damals mit Onassis verheiratet war und viel Zeit auf dieser Insel verbrachte, gerade ein Sonnenbad nehmen könnte.

Vom Flughafen fuhren wir mit dem Taxi in die Stadt. Wir konnten es kaum erwarten, endlich die Stadt und ihre Schönheiten zu sehen. Was wir zuerst sahen, war eine riesige, dunkle Dunstwolke, die über ganz Athen hing. “Der Smog gehört zu Athen wie die Akropolis!” sagte man uns.
Untergebracht waren wir im Hotel EUROPA am Omonia-Platz. Das Zimmer war groß und etwas gammelig. Die Gardine hing teilweise herunter und in den Ecken hingen Spinnweben. Die Decken in diesem alten Haus waren sehr hoch. Vielleicht war das der Grund dafür, dass noch niemand die Reparatur der Gardine in Angriff genommen hatte.
In dem Zimmer standen ein so genanntes Ehebett und ein kleines Bett gegenüber an der Wand.
Die Aufteilung der Schlafgelegenheiten war schnell erledigt. Wir waren inzwischen geübt darin, vier Personen in drei Betten unterzubringen. Willi schlief mit den Kindern im großen Bett. Für mich blieb das kleine, das für Willi eindeutig zu kurz gewesen wäre.

Akropolis.

Nach dem Auspacken trieb es uns nach draußen - wir wollten Athen erkunden. An diesem heißen Sommerabend waren viele Menschen unterwegs und es fiel uns am Omonia - Platz eine größere, etwas aufgeregt wirkende und laut diskutierende Gruppe auf. „Da muss etwas passiert sein!“ war unser erster Gedanke. Schnell stellten wir fest, dass es sich nur um Männer handelte, die sich zum palavern auf der Straße getroffen hatten.
Wir gingen weiter und suchten nach einem gemütlichen Restaurant. Wir fanden eins, das unseren Vorstellungen entsprach und traten ein. Sofort kam ein Kellner, der uns einen Tisch anwies. Bevor ich mich setzen konnte, rief von der Küche aus der Koch und machte mir durch Handzeichen deutlich, dass ich zu ihm kommen solle. Er hatte uns sofort als Touristen erkannt, und um uns die Auswahl zu erleichtern, zeigte er mir alles, was auf den Herden in den Töpfen und Pfannen brutzelte. Ich verstand kein Wort von dem was der freundliche Grieche mir erzählte. Unter dem Motto, dass man auch mit den Augen ist, suchte ich etwas für uns aus, das sich später als Moussaka herausstellte. Es schmeckte etwas fremdartig für unsere damals noch auf deutsche Kost eingestellten Geschmacksnerven, aber wir verließen satt und zufrieden das Lokal.
Für den Abend hatte sich Willi mit Dirk verabredet. Die beiden wollten das Athener Vergnügungsviertel, die Plaka, kennen lernen. Während sie den Abend bei gutem Rotwein und Musik genießen konnten, verbrachte ich die Zeit im Bad und hatte den Eindruck, dass ich die Rückreise wohl nicht mehr lebend antreten werde…
Willi brachte mich nach seiner Rückkehr ins Bett und irgendwann konnten wir auch schlafen.
Am Morgen wurde ich von einem heftigen Rütteln geweckt. Noch sehr verschlafen nach der kurzen Nacht dachte ich im ersten Moment, dass Willi und die Kinder sich mit mir einen Scherz erlauben würden. „Aufhören!“ sagte ich und richtete mich auf. Willi und die Buben saßen im Bett. Sie wirkten, genau wie ich, etwas irritiert.
„Das ist ein Erdbeben“, meinte Willi. Nach ein paar Sekunden war alles vorüber. Ich eilte zum Fenster, um zu sehen, was auf der Straße los war. Die Menschen gingen jedoch ganz ruhig und ohne Panik ihres Weges. Wir kamen zu der Überzeugung, dass solche kurzen Erdstöße für diese Gegend vermutlich nichts Ungewöhnliches waren.

3 x Voltz nach dem Aufwachen.

Wir hatten uns schnell von unserem „Schock“ erholt und gingen zum Frühstücksraum. Dort war das Beben an diesem Tag das große Thema. Nach dem Frühstück suchten wir uns ein Taxi und zeigten dem Fahrer auf der Karte, wohin er uns fahren sollte. An diesem und den folgenden zwei Tagen versuchten wir so viel wie nur möglich von Athen zu sehen. Wir legten unzählige Kilometer zu Fuß zurück und ich bewunderte unsere kleinen Buben für ihre Ausdauer und Geduld. Die schönen Parks und Spielgelegenheiten mitten in Athen waren sehr hilfreich – sie dienten den Kindern zum Toben und wir hatten Gelegenheit, unsere geschundenen Füße auszuruhen.
Nach unserer Rückkehr zum Camp Mylos wussten wir die dortige Ruhe und Einsamkeit zu genießen.

Ein paar Tage später musste Dirk wieder nach Frankfurt zurück.
Wir erkundeten die Umgebung oder verbrachten die Zeit am Strand. Für Willi, der kurz vor unserer Abreise den Auftrag bekommen hatte, die drei ersten DRAGON - Romane zu schreiben, bedeutete die Zeit am Strand arbeiten. Der Auftrag sagte Willi nicht unbedingt zu. Weder lag ihm das Thema, noch hatte er Zeit. Schließlich wollten wir uns auf unseren Urlaub konzentrieren…
„Voltz, Sie müssen uns helfen. Die Zeit ist knapp - es eilt!“ klagte Kurt Bernhardt.
Willi kaufte sich eine kleine, in einem Koffer untergebrachte Reiseschreibmaschine. Sie wurde im Verlauf der nächsten Wochen heftig traktiert und sollte ab sofort in unseren Urlauben ein ständiger Begleiter sein.
Drei Romane in sechs Wochen, von denen maximal vier zum Schreiben blieben – wie sollte das gehen? Es ging!

Willi am Strand mit Schreibmaschine.

G.M. Schelwokat schilderte zwölf Jahre später im William Voltz Gedächtnisband seine Erinnerungen an dieses Ereignis:

link Bericht von G.M. Schelwokat

Ich erinnere mich an einen Tag, der, wie viele andere, nicht aus meinem Gedächtnis zu löschen ist.
Die Kinder hielten ihren Mittagsschlaf. Willi saß auf unserer strohbedeckten Terrasse und tippte DRAGON, während ich am Strand lag und urlaubte. Sehr gut ist mir noch das wohlige Gefühl in Erinnerung - Sonne, Strand, Ruhe, einfach alles was man braucht, um zu entspannen. Das typische Geklapper der kleinen Schreibmaschine war zu hören. Plötzlich hatte ich das Bedürfnis aufzustehen und zu Willi zu gehen. Irgendetwas trieb mich, obwohl ich mich doch eigentlich so wohl fühlte und gar keine Lust hatte aufzustehen… Ich stand trotzdem auf und ging zu Willi.
„Na“ sagte er, „willst du mich von der Arbeit abhalten?“
In dem Moment sah ich eine Schlange, die nicht mehr als einen Meter von Willi entfernt war und genau auf seine Füße zu kroch.
Die Schlange war wahrscheinlich genauso erschrocken wie wir und verzog sich.
Auf unsere Anfrage bei dem Besitzer der Anlage, welche Arten von Schlangen es denn hier gäbe, bekamen wir die Antwort: „Giftige und ungiftige!“

Um welche es sich in unserem Fall gehandelt hatte, erfuhren wir nie.

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