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Über William Voltz
Biografie - Teil 24

Im März des Jahres 1972 brachte der Pabel Moewig Verlag die 3.Auflage der Perry Rhodan-Serie auf den Markt. Ein weiteres, von Verlag und Autoren heftig diskutiertes Thema war die Änderung innerhalb der Geschäftsführung. Ein Jahr nach der Übernahme des Moewig Verlags durch die Heinrich Bauer KG, erwarb diese auch den Rastatter Erich Pabel Verlag und fasste beide zusammen. Da sich Erich Pabel aus der Verlagsleitung zurückgezogen hatte, wurde Winfried Blach 1972 als neuer Geschäftsführer in Rastatt eingesetzt. Die Perry Rhodan-Redaktion blieb, bis zu dessen Pensionierung im Jahr 1981, weiterhin unter der Leitung von Kurt Bernhardt in München.

Bei einem Treffen mit KHS und Heidrun in unserer Offenbacher Wohnung erzählten uns die beiden, dass sich Klaus Mahn (Kurt Mahr) bei ihnen gemeldet und berichtet hätte, dass die Familie Mahn vor habe, wieder nach Deutschland umzusiedeln. Ob man sich in Friedrichsdorf oder Umgebung nach einer Bleibe für die immerhin sechsköpfige Familie umsehen könne, war die Frage. Scheers konnten und fanden ein Haus, das nur ein paar Minuten von der eigenen Residenz entfernt war. Für ein Jahr blieben die Amerikaner in Friedrichsdorf, dann zog es sie nach Bayern. Klaus Mahn, der damals nur „Teilzeit Autor“ war, fand Arbeit bei einer Münchener Firma und bezog mit seiner Familie ein Haus in Bruckmühl an der Mangfall. Nach weiteren vier Jahren in Deutschland zog es die Mahns wieder zurück in die U.S.A.

Meine Mutter (l.) und Genevieve Greswell.

Zur selben Zeit plante meine Mutter, die inzwischen nach Heusenstamm gezogen war, eine sechsmonatige Reise in die U.S.A., um dort Freunde zu besuchen. Wir halfen ihr bei den Vorbereitungen für diesen langen Trip, der sie nach Utah, Idaho, Nevada und Colorado bringen sollte. Es war die erste große Reise, der erste Flug, für meine Mutter. Sie freute sich und hatte keinerlei Bedenken. Die Sorgen, die wir uns wegen ihrer gesundheitlichen Probleme gemacht hatten, waren unnötig gewesen – Mutter hatte eine wunderbare Zeit und erholte sich gut. Wir erhielten viel Post und wenn es dringend war, kam ein Telegramm, so z.B.: „Ich brauche dringend etwas Schickes zum Anziehen – hier gibt es nur Hosen mit elastischem Bund.“ Da ich ihren Geschmack kannte und mir auch die Konfektionsgröße bekannt war, konnte ich einkaufen und Pakete packen, die ich dann nach Amerika schickte. Nach einem halben Jahr holte ich meine Mutter wieder vom Flughafen ab und war angetan von ihrem Aussehen und dem guten Zustand, in dem sie sich befand. Die Reise hatte ihr gut getan.

Inzwischen stellten wir Überlegungen an, wo wir unseren nächsten Urlaub verbringen könnten. Dirk Hess, der sich inzwischen auch als Schriftsteller etabliert hatte, half uns bei der Entscheidung. Seine Eltern liebten Griechenland und hatten dort, in der Nähe von Thessaloniki, ihren Urlaub verbracht. Sie waren befreundet mit dem Besitzer des Reisebüros und bevor ich weitere Bedenken äußern konnte, wurde ich von Willi und Dirk davon überzeugt, dass es eine gute Idee sei, die Reise nach Griechenland anzutreten. Da es eine lange Reise (ca. 2200km) werden würde, sollte der Urlaub diesmal etwas länger dauern. Wir planten sechs Wochen ein, die an einem Sonntag im August, morgens um 4:oo Uhr, begannen. Unser Auto, der kleine Alfa Romeo Modell Berlina, war gepackt bis unters Dach.
Es war unsere erste Reise in den östlichen Süden Europas, die uns einige neue Erfahrungen bescheren sollte. Die Straßen in Deutschland waren noch fast menschenleer und unsere Kinder holten versäumten Schlaf nach. Auch die Fahrt durch Österreich verlief problemlos. Wir begegneten einigen „Gastarbeitern“, die auf dem Weg in die Heimat waren. Die Autos waren vollgepackt und wir hatten begründete Zweifel, dass nicht alles was in, auf und um die Autos herum verstaut war, heil am Zielort ankommen würde.
Als sich am Mittag bei uns der Hunger meldete, kehrten wir in einen österreichischen Gasthof ein und bestellten Backhendel und Pommes frites. Nach dem guten Essen machten wir noch einen Spaziergang und fuhren weiter in Richtung Jugoslawien. Spätestens dort war Schluss mit Autobahn und breiten Straßen. Durch ganz Jugoslawien führte der so genannte „Autoput“, eine zweispurige Landstraße, die abenteuerlicher und gefährlicher nicht sein konnte.
In der Nähe von Zagreb suchten wir für die erste Nacht eine Bleibe. Das Auto konnten wir direkt vor unserem Zimmer parken. Willi wollte das Gepäck nicht komplett entladen, hatte aber auch Bedenken, dass etwas gestohlen werden konnte. Somit war es eine unruhige Nacht für uns, in der wir immer wieder aus dem Fenster sahen und kontrollierten, ob noch alles vorhanden war.
Früh morgens fuhren wir weiter in Richtung Belgrad. Wir waren hungrig. Frühstück gab es in diesem Hotel nicht und es war auch kein Lokal zu finden, in dem wir unseren Hunger hätten stillen können. Die Kinder versorgte ich mit Keksen und wir trösteten uns mit dem Gedanken an ein gutes Mittagessen. Zagreb und Belgrad behielten wir als unattraktive Städte in Erinnerung. Vielleicht lag das aber auch an der Gegend, durch die wir fahren mussten. Irgendwann, es war bereits Mittagszeit und sehr heiß, sah ich ein Schild, das zu einem Hotel führte. „Dort gibt es bestimmt etwas zum Essen!“, sprachen wir unsere große Hoffnung gleichzeitig aus. Von Weitem erkannte ich einen Kellner mit weißem Hemd und schwarzer Hose. Beim Näherkommen war das Hemd nicht mehr so weiß und die Hose hatte eine Reinigung nötig. Der Hunger war größer als unsere Abneigung. Wir fuhren auf den zum Hotel gehörenden Parkplatz und waren sofort umringt von einer Schar Kinder, die ihre Hände ausstreckten und nach Schokolade fragten. Wie hätte ich bei dieser Hitze, ohne Klimaanlage, Schokolade aufbewahren können? Das einzige, was ich an Süßigkeiten hatte, war Dextro Energen. Die Kinder schauten etwas irritiert auf die kleinen, weißen Päckchen, nahmen sie aber an und vertilgten sie.
Wir vertilgten unser Mittagessen, gaben den Buben ein bisschen Zeit sich auszutoben und fuhren weiter in Richtung Süden. Der Weg durch Serbien brachte uns nach Nis. Durch die Stadt verliefen die Schienen für die Eisenbahn, und jedesmal wenn wir durch Nis fuhren, waren wir gezwungen an den geschlossenen Schranken zu halten. Der ungewollte Aufenthalt dauerte mindestens eine halbe Stunde. Kaum hielten wir an, kam ein junger Mann mit Sprühflasche und Lappen zu unserem Auto und machte sich an der Windschutzscheibe zu schaffen. Wie wir schnell feststellten, war dies das Schicksal aller Wartenden. Willi begann schon mal nach Kleingeld zu suchen, denn dass das kein kostenloser Service war, konnten wir uns denken. Der junge Mann deutete uns an, dass wir das Fenster herunterlassen sollen. Willi versuchte ihm klarzumachen, dass er kein Kleingeld zur Verfügung habe. In der Hand hielt er einen Dinar Schein, der damals etwa den Wert von knapp zehn Mark besaß. Schneller als Willi ausreden konnte, hatte der junge Mann den Schein aus seiner Hand genommen und rannte mit der Bemerkung „Isch wechsel, gleich zurück! “ auf Nimmerwiedersehen davon. Wir hatten unsere Lektion bekommen. Die nächste sollte bald folgen.
Wir waren auf dem Weg in Richtung Mazedonien. Die Landschaft war hügelig, die Straße kurvenreich und seit einiger Zeit fuhr ein Traktor vor uns her. Höchstgeschwindigkeit etwa 20 km/h. „Sowie ich die Straße besser überblicken kann, überhole ich den Traktor!“, kündigte Willi an. Ohne Gefahr konnte er sein Vorhaben bald durchführen, musste zu diesem Zweck jedoch eine geschlossene Linie überfahren. Wieder unten angekommen wurden wir bereits von der Polizei erwartet. Sie standen gut getarnt an einer Stelle, von der aus sie die von oben kommende Straße bestens überblicken konnten. Sehr unfreundlich und genauso deutlich wurde Willi darauf aufmerksam gemacht, dass er sofort eine Strafe von umgerechnet ca. 90.--DM zu bezahlen habe. Die Autorität der Polizei und mangelnde Sprachkenntnisse ließen keine Diskussionen zu. Nachdem wir weiterfahren durften, verschaffte sich Willi erst einmal Luft indem er die Polizei und ihre Machenschaften beschimpfte. Ich riet ihm, das nächste Mal mehr Geduld an den Tag zu legen. „Schweinepriester“ brummte er und fuhr weiter.
Es war früher Abend als wir endlich in Thessaloniki ankamen. Das Reisebüro war relativ leicht zu finden. Einer der beiden Besitzer, ein sehr freundlicher, gut aussehender Grieche, war mit einer Deutschen verheiratet. In einer Mischung aus Deutsch und Englisch erklärte er uns, dass wir bis zu unserem Zielort noch etwa eineinhalb Stunden zu fahren hätten. Er gab uns noch ein paar Anweisungen und riet uns bald zu fahren. „Es wird jetzt schnell dunkel und die Strecke ist nicht sehr gut zu befahren. Wenn Sie ein Schild sehen auf dem „Mykonos“ steht, haben Sie Ihren Urlaubsort erreicht. Besuchen Sie uns, wenn Sie in die Stadt kommen!“
Wir fuhren unserem Urlaubsziel am nördlichen Ende der Halbinsel Khalkidhiki entgegen und träumten von gutem Essen und bequemen Betten. Khalkidhiki durchquerten wir bis zum südlichen Ende. Drei Halbinseln ragen dort wie Finger ins Ägäische Meer. Das Camp lag in der Bucht zwischen Kassandra und Sithonia.
Es wurde tatsächlich schnell dunkel und wir zweifelten schon an der Richtigkeit des Weges, den wir eingeschlagen hatten, als wir endlich ein winziges Holzschild entdeckten, das uns anzeigte, dass wir am Ziel angekommen waren. Wir bogen ab auf einen engen Weg, vorbei an einer Reihe kleiner Häuser und viel Gestrüpp. Man hatte uns darüber informiert, dass wir erst zu einem Campingplatz ganz in der Nähe gehen müssen. Dort würden wir den Schlüssel für unser „Haus“ und Bettwäsche bekommen. Willi blieb bei den Kindern und ich machte mich auf den Weg in Richtung des Lichts, das ich in einiger Entfernung sehen konnte. Nach ein paar Minuten war ich dort und fand das Büro, das zu meiner Erleichterung auch noch besetzt war. Ich meldete uns an und eine Dame begleitete mich zurück zum Haus. Unterm Arm hatte sie Bettwäsche und Handtücher. Sie schloss eines der Häuschen auf und machte das Licht an. Was wir zu sehen bekamen, ließ uns nicht jubeln. Zum Protestieren waren wir zu müde. In dem Raum standen drei Feldbetten und dazugehörige Schaumstoffmatratzen, die schon etwas beschädigt aussahen. Spontan sagte ich zu Willi: „Man könnte meinen, da hätten Ratten dran genagt!“
Der Rest der Einrichtung bestand aus einem kleinen, wackligen Tisch und einem ebenso wackligen Stuhl. Der angebaute Kleiderschrank stand direkt neben der Tür zum Bad, in dem sich das nötigste Inventar befand. Daneben war eine winzige Küche, in der die wichtigsten Utensilien untergebracht waren, die man für die Zubereitung eines kleinen Mahls benötigte. Vor dem Eingang zum Haus standen ein Tisch und zwei Bänke. Das Dach, in dem es abends immer verdächtig raschelte, war aus Stroh. An dem Tisch wurde gegessen und gespielt. Uns wurde schnell bewusst, dass wir einen Abenteuerurlaub vor uns hatten. Da unser Hunger noch schlimmer war als die Müdigkeit, gingen wir zum Campingplatz, wo sich eine kleine Kneipe befand, in der man etwas Essbares finden konnte. Willi freute sich außerdem auf sein lange verdientes Bier.
Auf dem Rückweg zu unserem Häuschen stellten wir Überlegungen an, wie wir uns auf drei schmalen Feldbetten am besten verteilen können. Irgendwie klappte es. Es gab jedoch noch ein anderes Problem, das uns schnell deutlich wurde. Wir wurden von unzählig vielen Schnaken geplagt, die uns mit Vorliebe um die Ohren summten und auch nicht davor zurückschreckten, gierig unser Blut zu saugen. Willi erschlug einige dieser Stechmücken. Innerhalb kurzer Zeit hatte die zuvor weiße Wand schwarze Flecken. „Die kratzen wir alle ab, bevor wir hier wieder ausziehen. Das sind sicher nicht die letzten!“ Willi sollte Recht behalten.
Am nächsten Morgen sah die Welt schon etwas schöner aus. Vor unserem Häuschen hatten wir den Strand und auf der anderen Seite Wildnis und Olivenbäume. Es gab Katzen, Hunde, Esel, Schildkröten und anderes Getier. So zeigten uns unsere Kinder eines Tages ganz stolz eine Dose, in der sie Babymäuse gefangen hatten. Wir baten sie, die armen Tiere wieder freizulassen und auch keine mehr zu fangen. Abends fuhren wir zum Essen gerne in den drei Kilometer entfernten Ort, in dem es drei Lokale gab, die wir abwechselnd besuchten. Eines lag direkt am Wasser. Es war sehr sauber und wurde geführt von einem älteren Ehepaar. Der Mann erinnerte mich sehr an meinen Großvater und ich hatte ihn sofort ins Herz geschlossen. Wir konnten uns nur per Handzeichen unterhalten, da keiner die Sprache des anderen sprach. Wenn er uns sah, winkte er uns in seine Küche und zog Kühlfächer mit den tagesfrischen Fischen heraus. Wir suchten uns welche aus und der Wirt bereitete sie zu. Kaum war das Essen serviert, waren wir umringt von unzähligen Hunden und Katzen, die auf ihren Anteil warteten.
Auch die beiden anderen Lokale waren in Ordnung. In einem gab es nur Fleisch. Steak, Fleischspieße und kleine Hackbraten. In der Nähe gab es einen Metzger, bei dem ich ein paarmal Fleisch kaufte. Es war keine Metzgerei, die mit einer deutschen zu vergleichen gewesen wäre. Es gab nur Fleisch, das in einem großen Edelstahl-Kühlschrank hing und nach Bedarf abgeschnitten wurde. Eines Abends, Willi und die Söhne hatten es sich bereits im Garten des Lokals bequem gemacht, kaufte ich Hackfleisch, das ich für den nächsten Tag zubereiten wollte. Als ich mit meinem Päckchen wieder aus dem Laden kam, wurde ich von mehreren großen Hunden erwartet. Sie liefen gierig neben mir her. Eine leichte Panik hatte mich erfasst und ich überlegte, wie ich mich am besten verhalten sollte, um unbeschadet meinen Mann und die Kinder zu erreichen. Ich wurde von unzähligen Griechen, die sich wie jeden Abend zum Plaudern auf der Straße getroffen hatten, interessiert beobachtet. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und ging langsam, mein Päckchen wie eine Trophäe haltend, in Richtung des Lokals. Wegwerfen kann ich das Fleisch immer noch, dachte ich. Dann können sich die Hyänen drüber stürzen. Kaum hatte ich den Eingang erreicht, blieben die Hunde stehen. Sie wussten offensichtlich, dass der Zaun Sperrzone war. Sie gingen traurig und enttäuscht davon. Mein Puls war immer noch stark erhöht, aber ich war sehr erleichtert – und auch ein bisschen stolz, dass ich meine Panik nicht gezeigt hatte.

Etwa eine Woche nach unserer Ankunft kam Dirk Hess überraschend an unseren Ferienort.

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