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Über William Voltz
Biografie - Teil 16

Unsere neuen Freunde, Gerda und Siegfried, hatten sich für einen Wohnungswechsel entschieden. Sie zogen aus ihrer kleinen Offenbacher Wohnung aus und bezogen eine schöne große Wohnung im Frankfurter Stadtteil Oberrad.

Wie das bei Freunden so üblich ist, halfen auch wir beim Umzug. Nach einigen Stunden körperlicher Arbeit wurde eine Pause im neuen Wohnzimmer eingelegt. Es wurde gegessen und getrunken, um sich für den Rest des Tages noch einmal Kräfte zu verschaffen. Willi saß auf einem Hocker und schaukelte leichtsinnig hin und her. Es kam wie es kommen musste – der Hocker kippte mit Willi nach hinten – genau in die Balkontür, deren Glasteil unüberhörbar zu Bruch ging. Es wurde uns schnell bewusst, dass Willi großes Glück hatte. Außer ein paar leicht blutenden Kratzern, die schnell mit ein paar Pflastern versorgt wurden, hatte er keine Verletzungen davongetragen.

Brief von H. Haaser
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Im Nebenzimmer meldete sich Stephen. Der Lärm hatte ihn offensichtlich geweckt. Als ich ihn aus seinem Wagen hob, stellte ich fest, dass das erste Zähnchen zu sehen war. Voller Stolz zeigte ich es jedem.

Über Willis Unfall wurde noch lange gesprochen, und die am häufigsten geäußerte Bemerkung war: „Wie gut, dass nicht mehr passiert ist!“

Die Perry Rhodan-Serie gab es inzwischen seit sieben Jahren. Sie lief weiterhin gut und die Verkaufszahlen verbreiteten berechtigten Optimismus. Es wurde viel geworben für die bekannt und groß gewordene Science-Fiction-Serie. Im Verlag wurde überlegte, was man außer guten Romanen auf den Markt bringen kann, um den Lesern eine Freude zu machen. Es gab inzwischen einen roten Plüsch-Gucky und es wurden Rhodan-Figuren hergestellt. Die zu dieser Zeit modern gewordenen Buttons durften nicht fehlen.

Kurt Bernhardt versuchte auf seine Art die für die Exposés zuständigen Autoren, Karl-Herbert Scheer und William Voltz, zu neuen Ideen zu motivieren. Oft, und man hatte den Eindruck, dass er es auch gerne tat, drückte Kurt Bernhardt seine Vorstellungen über die Weiterführung der Perry Rhodan-Serie mit großem Szenario aus. Nicht selten sprang er auf, um seinen Worten mehr Ausdruck zu verleihen. „Mit Band 400 muss eine Bombe platzen!“ So ließ er die Autoren wissen, dass er sich für den nächsten Zyklus etwas ganz Besonderes und völlig Neues wünschte.

Cover - Menschheit im Zwielicht.

Für die Zeit vom 28.11. bis 30.11.1968 lud der Cheflektor das Autorenteam zu einer Konferenz nach München ein, um den siebten Zyklus der Serie zu besprechen.

KHS und WiVo bereiteten sich auf die Zusammenkunft vor. Nachdem sie den nächsten Zyklus besprochen und sich Notizen gemacht hatten, fuhren sie gemeinsam nach München.

Das Team bestand aus den Autoren Clark Darlton, K.H. Scheer, William Voltz, H.G. Ewers und dem neu hinzugekommenen Hans Kneifel. Der in den U.S.A. lebende und arbeitende Mitautor Kurt Mahr nahm an den jährlichen Treffen zu dieser Zeit nicht teil. Außerdem waren anwesend der SF-Lektor Günter M. Schelwokat und der Cheflektor Kurt Bernhardt.

Nach drei Tagen, an denen viel gearbeitet wurde, der Spaß und das gesellige Beisammensein aber auch nicht zu kurz kamen, fuhren die Autoren wieder nach Hause und starteten den Zyklus „DIE CAPPINS“.

In Willis Unterlagen des Jahres 1969 befindet sich ein für die Rhodan-Leser verfasstes Protokoll über die Autorenkonferenz in München vom November 1968, gefolgt von einer fast dreiseitigen Zusammenfassung der Ideen für die Bände 400 bis 449, die überschrieben war mit:

DIE EPOCHE DER ERNEUERUNG

Unterzeichnet war dies mit (w. voltz).

Information für die Leser
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Es war für mich leicht zu erkennen, dass diese Zeilen nicht auf Willis, sondern auf der Scheerschen Schreibmaschine geschrieben wurden. Eine handgeschriebene Notiz von Heidrun Scheer und ganz besonders der Inhalt dieses Schriftstücks machen deutlich, dass es nicht aus Willis „Feder“ stammen kann.

Der Cheflektor schrieb an Willi: …ich habe Ihren Text für das Vorwort und für die Information unserer Leser gelesen und muß Ihnen sagen, daß ich damit nicht einverstanden bin. Er machte seine Meinung deutlich und schrieb zum Abschluß: Eine Honorierung dieser Arbeit kann ich Ihnen – so leid es mir tut – nicht zugehen lassen.

Der Anlass für diese Teamarbeit ist heute nicht mehr nachvollziehbar.

Das Jahr 1968 hatte uns nicht nur das so sehr gewünschte Kind beschert, sondern auch die Gewissheit, dass wir bald ein zweites haben werden. Wir freuten uns darauf und hofften natürlich auf ein Mädchen. „Die Chancen stehen fifty-fifty“ und „Hauptsache gesund“ waren meine Kommentare, wenn Willi seinen Wunsch nach einer Tochter äußerte. Als voraussichtlicher Termin für die Geburt wurde der 7. Juni angegeben.

Den Jahreswechsel 68/69 feierten wir im Vereinsheim der Sportgemeinschaft Rosenhöhe. Stephen verbrachte die Nacht bei unseren Rosenhöh´-Freunden Marianne und Heinz. Mariannes Mutter hatte sich bereit erklärt, nicht nur ihre Enkelkinder, sondern auch unseren Stephen in dieser Nacht zu beaufsichtigen. Willis Eltern taten sich anfangs etwas schwer mit dem „Großelternsein“, und meiner Mutter, die gerne geholfen hätte, ging es gesundheitlich nicht gut. Wir freuten uns über die Unterstützung und holten nach einer sehr schönen Silvesternacht unser Kind wieder ab.

Willi und Stephen: Die ersten Gehversuche!
Foto: Dirk Hess.

Willi arbeitete an dem Perry Rhodan-Band Nr. 397, der mit dem Titel „System der 13 Monde“ erscheinen sollte.

Der neue Zyklus hatte begonnen und Willi schrieb Band Nr. 401 „Aufbruch ins All“ (sein Titel: Mission aus der Zukunft). Den Jubiläumsband Nr. 400, der mit dem Titel „Menschheit im Zwielicht“ erschien, verfaßte K.H. Scheer. Clark Darlton war mit Nr.402 „Ufos in der Galaxis“ an der Reihe.

Auf die Mitarbeit des Autors Kurt Mahr musste das Team zukünftig verzichten. Nach Unstimmigkeiten mit dem Cheflektor kündigte er seine Tätigkeit für die Perry Rhodan-Serie mit einem Schreiben vom 15.März 1969. Willi bedauerte das Ausscheiden seines Teamkollegen sehr. Das Schreiben der Rhodan-Romane war somit den Autoren Darlton, Voltz, Ewers und Kneifel überlassen.

K.H. Scheer schrieb die Jubiläumsbände und arbeitete gemeinsam mit Willi an den Exposés für Rhodan und Altan. Gesundheitlich ging es KHS nicht gut. Es war ein ständiges Auf und Ab, und niemand wusste genau, was ihm eigentlich fehlte. Ich erinnere mich an einen Freitag, an dem wir zur Exposébesprechung nach Friedrichsdorf fuhren und nach einem kurzen Gespräch mit Heidrun Scheer an der Tür unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren mußten. Heidrun Scheer wirkte sichtlich erschöpft als sie uns erklärte, dass ihr Mann im Bett liege und es ihm nicht gut ginge. Es war uns schon seit langer Zeit bewusst, dass KHS ohne die Unterstützung seiner Frau noch weitaus größere berufliche Probleme gehabt hätte.

„Lange kann das Heidrun nicht mehr mitmachen“, meinte Willi auf dem Heimweg. „Sie ist ja völlig fertig!“

Zu Hause setzte sich Willi an die Schreibmaschine und brachte seine Gedanken für die nächsten Bände aufs Papier.

Brief von Walter Ernsting
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Walter Ernsting und Willi hatten regen schriftlichen Kontakt. Telefoniert wurde selten. Walter war sparsam, was man an seinen Briefen immer wieder erkennen konnte. Durchschlagpapier wurde beidseitig beschrieben, Kalenderblätter wurden zu Briefpapier umfunktioniert oder DIN A 4 Blätter halbiert, wenn er nicht viel zu schreiben hatte. Walter gehörte zu der Generation, die sehr schlechte Zeiten durchleben musste, und die prägen nun einmal die Menschen. Seine Briefe hatten trotzdem fast immer einen lustigen Touch. Selbst wenn es um heikle Themen ging, war er noch zu einem Spaß bereit. So war er halt! Ein Beispiel von vielen ist sein Schreiben vom 24.2.1969, das er nach dem Besuch eines Fernsehteams (Monitor) im Hause Scheer an Willi schickte.

Zum Thema Monitor äußerte sich auch der Perry Rhodan-Fan Dirk Hess.

Er schrieb an Willi: …nach dem grauenhaften TV-Bericht kurz ein paar Zeilen. Ich hoffe, Sie haben alles ohne ernste Schäden überstanden. Aber im Grunde war es ja zu erwarten. Warum hat Herr Scheer Sie und W.E. nicht als seine Mitarbeiter vorgestellt und somit eine weniger konzentrierte und in zweideutige Kanäle einmündende Interpretation verhindert? Es ist verdammt schade, daß auch diese Chance verpuffen musste…

Mit seinem Brief schickte Dirk Hess dieses Foto.

Im Februar 1969 wurde die ATLAN – Serie mit dem K.H. Scheer Roman „Das galaktische Syndikat“ gestartet. Die Serie erschien anfangs monatlich und Willi freute sich auf die neue Aufgabe. Er konnte nicht ahnen, dass das Atlan-Thema ihn noch sehr beschäftigen würde.

"Monitor", von Dirk Hess.

Beschäftigt war Willi auch mit den Risszeichnungen. Wenn Rudolf Zengerle, der ebenfalls in Offenbach wohnte, eine Zeichnung fertig gestellt hatte, brachte er sie persönlich zu uns nach Hause. Er erklärte Willi in allen Einzelheiten seine Arbeit und begann danach über Gott und die Menschheit zu diskutieren. Der Risszeichner ließ kein Thema aus und er wusste zu allem etwas zu sagen. Die Zengerle-Abende dauerten immer sehr lange.

Seit Band Nr. 278 hatte der erste Risszeichner Unterstützung von Ingolf Thaler, der für diesen Roman den Imperiumskreuzer CREST II zeichnete. In Band Nr. 432 erschien Bernard Stoessels erste Risszeichnung – ein Bergungs- und Flottentender der Mastoden-Klasse.

Die Arbeit an der Perry Rhodan-Serie ging für Willi weiter mit den Bänden Nr. 404 „Piraten-Lady“ (Die böse alte Lady) und Nr. 408 „Amoklauf der Mutanten“ (Die Second Genesis Krise).

Es lief alles perfekt – hätte man annehmen können. Es waren jedoch erneute Schwierigkeiten zwischen den Autoren Scheer und Gehrmann aufgetreten. Leserbriefe trugen dazu bei, die Stimmung noch anzuheizen.

Wieder wurde viel Zeit damit vertan, Briefe hin und her zu schicken. Aber auch dieses Problem löste sich irgendwann – so, als hätte es nie eines gegeben.

Vielleicht waren diese Diskussionen einfach nötig und nicht zu vermeiden. Die Autoren, die zwar für die selbe Sache arbeiteten, oder wie Kurt Bernhardt gerne sagte, an einem Strang ziehen sollten, waren doch von sehr unterschiedlicher Persönlichkeit. Der Cheflektor in München wusste jedoch, wie er „seine“ Autoren immer wieder an einen Tisch bringen konnte.

 

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