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Über William Voltz
Biografie - Teil 15

Der Tag, an dem unser erstes Kind geboren werden sollte, näherte sich.

Am Freitag den 22.März hatte ich einen Arzttermin. „Es ist alles in Ordnung. Das Kind liegt gut und ist bereit für die Geburt“, meinte der Professor. Übers Wochenende bin ich in Urlaub, aber der Oberarzt, den sie von ihren Aufenthalten hier im Haus gut kennen, wird mich vertreten.“ Mit dieser Information machte ich mich auf den Heimweg.

Samstags waren wir bei unseren Kegelfreunden Marianne und Georg eingeladen, um Georgs Geburtstag zu feiern. Die beiden wohnten damals im vierten Stock eines alten Hauses in Offenbach. Wir hatten einen wunderschönen Abend, an dem getanzt und viel gelacht wurde. Es war bereits nach Mitternacht als Willi fragte, ob ich denn nicht müde sei und nach Hause gehen möchte. „Mach´ Dir keine Sorgen. Mir geht´s gut!“ beruhigte ich ihn. Wir verließen die Gesellschaft etwas früher als es in unseren jungen Jahren üblich war und bewegten uns vorsichtig die frisch polierten Holztreppen nach unten.

Frühmorgens wachte ich auf und spürte deutliche Anzeichen für die bevorstehende Geburt.

So leise wie möglich schlich ich ins Bad. Als ich ins Zimmer zurückkam, sah mich Willi verschlafen an und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Ja, es ist alles in Ordnung. Du musst nur aufstehen, es ist soweit!“ sagte ich.

Stephen beim Füttern.

Willi fuhr mich ins Krankenhaus. Mit der Bemerkung: „Das dauert noch. Wir rufen sie an!“ wurde er nach Hause geschickt.

Damals war es nicht üblich, dass der zukünftige Vater bei der werdenden Mutter bleiben durfte. Man kannte es nicht anders, und unter den gegebenen Umständen fand ich das auch in Ordnung. Ich glaube nicht, dass Willi lange geblieben wäre.

Nach der Untersuchung sagte mir der Arzt, dass sich das Kind gedreht habe und nicht mit dem Kopf zuerst geboren werde. Es sei aber kein Anlass zur Besorgnis.

Am 24. März 1968, um 17:25 Uhr, wurde unser Sohn Stephen geboren.

Etwa zwei Stunden später besuchte mich Willi. Er hatte fünf Tulpen in der Hand, die genauso müde aussahen wie ich. „Sonntags hat kein Blumenladen auf. Die habe ich am Bahnhof aus dem Automaten gezogen“, meinte er entschuldigend.

Bei der nächsten Zusammenkunft in der Vereinsgaststätte „Rosenhöhe“ warteten Willis Fußballkameraden bereits darauf, dass „Baasche gewäsche“ wird, wie das in bestem Offenbacher Dialekt heißt. Der junge Vater musste traditionsgemäß einige Runden Bier und Schnaps ausgeben, die auf das Wohl des neuen Familienmitglieds getrunken wurden.

Am 21.April bekamen wir Besuch von Karl-Herbert und Heidrun Scheer, sowie von Horst Gehrmann, seiner damaligen Frau und ihren beiden Söhnen. Karl-Herbert machte einige Fotos von unserem inzwischen vier Wochen alten Sohn.

Horst Gehrmann, ein sehr engagierter und aktiver Jungautor, hatte eine Grundkonzeption für einen TERRA-Taschenbuch-Zyklus erstellt, die er am 19.April mit einem Begleitschreiben an Herrn Hauck geschickt hatte. Kopien seiner „Prämeditation“ gingen an seine Autoren-Kollegen und G.M. Schelwokat.

Cover – Die Wüste der strahlenden Steine.

Dieses neue Gehrmann-Projekt, das wie das „Unternehmen Omega“ nicht über die Planung hinauskam, war nur eines von vielen Themen an diesem Sonntag bei dem Treffen in unserer Wohnung in Offenbach.

Zum Mittagessen ging Willi mit unserem Besuch in ein nahe gelegenes italienisches Restaurant, die Goethe-Stuben. Ich blieb zu Hause bei meinem Baby.

Die Tatsache, dass ich als junge Mutter mehr ans Haus gebunden war, ließ Willi zu der Überzeugung kommen, dass wir einen Fernsehapparat kaufen sollten. „Du kommst ja jetzt nicht mehr so oft weg, und wenn ich abends ins Training oder zur Spielersitzung gehe, hast du ein bisschen Unterhaltung!“

So kam nach vierjähriger Ehe das erste Fernsehgerät in unseren Haushalt. Die Programmauswahl war damals noch sehr dürftig. Das störte mich jedoch nicht, denn wenn das Abendprogramm begann, war ich entweder mit meinem Kind beschäftigt, oder ich schrieb Willis Romane ab.

Im Jahr 1968 schrieb Willi noch die folgenden Perry Rhodan-Bände:

Nr. 362 „Der Irre und der Tote“ (Das Kristallgebirge)
Nr. 370 „Verrat auf Oldman“ (Anraths Erben)
Nr. 377 „Die Wüste der strahlenden Steine“ (Satyat)
Nr. 378 „Planet der Ungeheuer“
Nr. 382 „ Planet der Ruinen“
Nr. 386 „Hilfe von Sol“ sowie
Nr. 394 „Die Bestie erwacht“ (Wiedererweckung).

Am 20.5. kam ein kurzer Brief von Kurt Bernhardt, der darauf hindeutete, dass es mit der Atlan-Serie nun endlich „richtig losgehen“ sollte.

Brief von Kurt Bernhardt. Bild klicken zum Lesen.

Urlaub sollte es in diesem Jahr keinen geben, jedenfalls nicht für mich. „Mit so einem kleinen Kind kann man keine große Reise machen“, meinte Willi. Über diese Auffassung kann man heutzutage nur noch schmunzeln. Weil meine Freundin Helga zur Kur nach Bad Ems musste, konnte sie mit ihrem Mann Walter ebenfalls keinen gemeinsamen Urlaub machen. Es dauerte nicht lange, bis aus der Idee der Plan wurde. Die Männer hatten den Entschluss gefasst, für drei Wochen nach Italien zu fahren. „Aber nicht nach Cesenatico“, sagte Willi. „Ich möchte gerne etwas anderes sehen." Lass´ uns an die Riviera fahren. Walter war damit einverstanden.

Mir wäre es nicht in den Sinn gekommen, gegen diese Urlaubsfahrt zu protestieren. Die Koffer wurden gepackt und in Willis Auto verstaut.

Während seiner Abwesenheit erhielt ich noch den Vertrag für ein zuvor fertig gestelltes Taschenbuch, den ich „im Auftrag“ unterschrieb.

Ohne eine Reservierung zu machen waren die beiden Freunde in Richtung Süden gefahren. An der Riviera angekommen fanden sie ein kleines Hotel, das ihnen sehr gut gefiel. Nach etwa einer Woche stellte Walter fest, dass er an der teuren Riviera keine drei Wochen bleiben kann. Willis Opel Rekord wurde erneut gepackt und an die günstigere Adria, nach Cesenatico, gefahren. Dort wurden die beiden, wie schon im Jahr zuvor, begeistert von Walters Familie begrüßt.

Willi brachte mir ein wunderschönes goldenes Armband aus Italien mit, das ich noch heute gerne trage.

Willi und Walter mit Urlaubsbekanntschaft.

Nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub wurde Willi mit einem Problem konfrontiert, das die positive Zusammenarbeit des Teams eine zeitlang störte.

Am 24. Juni 1968 schickte Horst Gehrmann ein ausführliches Rundschreiben nicht nur an seine Kollegen, sondern auch an die Geschäftsleitung des Arthur Moewig Verlags, Herrn Kurt Bernhardt, sowie an Günter M. Schelwokat.

In seinem vierseitigen Brief schrieb er unter anderem:

Seit längerer Zeit habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie das Positive in der Serie Perry Rhodan, die zu einem festen Begriff geworden ist, noch stärker als bisher herausgearbeitet werden könnte. Jetzt, da ich bei der letzten Exposé-Folge einmal ohne Auftrag und daher ohne unmittelbaren Termindruck bin, fand ich endlich die notwendige karge Muße, meine Gedanken zu Papier zu bringen und in eine – wie ich hoffe – fruchtbare Debatte zu werfen.

Wegen der umfangreichen Basis meiner Vorschläge habe ich mich entschlossen, nicht nur die unmittelbar am Prozeß des Schreibens beteiligten Autoren und die den roten Faden liefernde Exposé-Redaktion anzuschreiben, sondern auch Herrn Bernhardt und Herrn Schelwokat als die beiden Vertreter des Moewig-Verlags, die in gleichem Maße wie wir am Aufbau der Perry Rhodan-Serie und an ihrem kommerziellen Erfolg beteiligt waren und sind.

Karl-Herbert Scheer hielt nichts von den „gut gemeinten“ Vorschlägen seines Teamkollegen. Besonders die Tatsache, dass diese Vorschläge und Anregungen auch an den Verlag gingen, ließ KHS heftig reagieren. Gehrmanns Brief hatte ihn hart getroffen, da er, und das war verständlich, in ihm einen Angriff auf seine Arbeit sah. In seinem Antwortschreiben vom 1.Juli verschaffte sich Herbert mit deutlichen Worten Luft.

Hast Du eigentlich nicht bemerkt, welchen Schwulst Du zusammengeschrieben hast? Der Brief war eine einzige Spitze gegen mich; verpackt in Beteuerungen und rutschige Argumente.

Der sekundäre Inhalt, nämlich die Verbesserungsvorschläge, bieten absolut nichts Neues.

Die anderen Autoren reagierten auch nicht positiv auf diesen Vorstoß des etwas zu engagierten Jungautors. Walter Ernsting (Clark Darlton), der Senior der Autoren, antwortete, wie es seine Art war, kurz, aber deutlich. Er schrieb unter anderem:

Ich bin Dir sehr dankbar, dass Du Dir Verbesserungsgedanken machst. Das sollten wir alle. Aber bitte. Unter uns!

Walters Brief war unterschrieben mit: Stets Euer Veteran und Opa Walter.

In einer handgeschriebenen Notiz ließ er die Mitautoren noch wissen: Hier alles okay. Tochter und Mama wohlauf! Walter und Ursula Ernsting waren am 16.Juni Eltern einer Tochter geworden.

Die gute Zusammenarbeit des Teams sollte mit Gehrmanns Vorstoß nicht beendet sein. Die Autoren konzentrierten sich weiterhin auf das Wesentliche – Perry Rhodan.

Ebenfalls im Juni 1968 wurde dem Ehepaar Rolf und Roswitha Heyne eine Tochter geboren.

Willis und Herberts Treffen fanden regelmäßig statt. Entweder in Friedrichsdorf oder in Offenbach. Bereits während des gemütlichen Abendessens, das entweder von Heidrun Scheer oder von mir zubereitet wurde, sprachen die beiden Autoren über die Fortführung der Perry Rhodan-Serie. Perrys Freund Atlan, an dessen eigener Serie seit einiger Zeit gearbeitet wurde, war inzwischen auch ein Thema für die Exposébesprechung geworden.

Nach Beendigung des „geschäftlichen“ Teils hatten wir es uns zur Gewohnheit gemacht, ein paar Runden Rommé zu spielen. Die Verlierer mussten einen kleinen Betrag in die Rommékasse bezahlen. Mit diesem Geld wollten wir uns, wenn genug zusammengekommen war, zum Abendessen treffen – in der Frankfurter Stubb. Herbert war der Verwalter unserer Kasse. Da wir uns oft trafen und eifrig spielten, hatte sich die Kasse bald gefüllt und es reichte, um in dem Frankfurter Gourmet-Restaurant speisen zu können. Wir freuten uns auf den Abend und das gute Essen. Alles verlief erwartungsgemäß.

Als der Ober die Rechnung brachte, schauten wir alle erwartungsvoll auf Herbert. Nach kurzer Prüfung der Rechnung griff er in beide Taschen seines Jacketts und brachte mehrere Röhrchen zum Vorschein, die einmal zur Aufbewahrung von Tabletten gedient hatten. In ihnen waren die Münzen untergebracht, die wir in die Rommékasse einbezahlt hatten.

Während wir noch überlegten, ob die Situation lustig oder peinlich ist, erklärte Herbert dem etwas verdutzt dreinblickenden Kellner: „Wissen Sie, wir spielen regelmäßig Karten, und dies ist das erspielte Geld. Sie nehmen doch sicher auch Münzen…“ Dem armen Mann blieb nichts anderes übrig, als die gut sortierten Geldstücke nachzuzählen.

Wir waren sicher, dass er die Romméspieler so schnell nicht vergessen konnte.

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