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Über William Voltz
Biografie - Teil 10

Wir meldeten uns im Hotel MACAYA in Tossa de Mar an. Unser Freund Günter, der noch Junggeselle und ohne fest Bindung war, wollte uns begleiten.

Diesmal zogen wir es vor, mit dem Auto zu fahren. Willi plante, am Freitagnachmittag, direkt nach Arbeitsschluss, loszufahren. Die Fahrt würde etwa dreizehn Stunden dauern.

„Ich kann mich mit Günter abwechseln. Einer von uns kann dann immer ein bisschen schlafen“, meinte Willi auf meine besorgte Frage, ob er tatsächlich nach der Arbeit starten und die ganze Nacht hindurch fahren wolle. Ich hatte damals noch keinen Führerschein.

Das Gepäck wurde morgens ins Auto gepackt und ich fuhr am Nachmittag mit dem Bus nach Offenbach, wo ich mich mit den beiden traf. Unbekümmert und in Vorfreude starteten wir in den Urlaub.

Nachdem wir kurz vor Basel die Grenze überquert hatten, mussten wir uns mit Landstrassen zufrieden geben. Auf unserer Strecke nach Spanien gab es noch keine Autobahn. Als es bereits dämmerte, legten wir eine kurze Pause ein. Willi bat Günter das Steuer zu übernehmen, weil er ein „Nickerchen machen wolle“. Die Fahrt ging weiter. Ich lag auf der Rückbank.

Plötzlich wurden wir unsanft aus unserem Dämmerschlaf gerissen. Das Auto holperte über einen sehr unebenen Weg. Günter trat auf die Bremse und hielt an. Er war kurz eingenickt und in eine Baustelle gefahren. Wir stiegen aus, um uns davon zu überzeugen, dass nichts passiert war.

Nach diesem Ereignis übernahm Willi wieder das Steuer und fuhr uns sicher an die Costa Brava.

Wir waren froh, als wir endlich frühmorgens in dem Fischerdorf ankamen. Die Spanier waren schon aktiv. Die Gehwege wurden befeuchtet und gekehrt. In manchen Hauseingängen standen Wagen mit frischem Obst und Gemüse. Die appetitliche Ware lud zum Kaufen ein. Es wurde palavert und gelacht und der Muli, der gemütlich einen Wagen durch die enge Gasse zog, begrüßte jeden mit einem lauten iah. 

Willi und Inge am Strand.

Die Straße vor dem Hotel war gerade so breit wie ein Auto. Wir beeilten uns mit dem Ausladen, damit Willi einen Parkplatz suchen konnte. Im Zimmer angekommen fielen wir erst einmal in einen mehrstündigen Tiefschlaf. Abends führten wir Günter durch die kleine Altstadt und in die gemütlichen Kneipen, die wir schon vom Vorjahr kannten. Jeder Hausbesitzer, der einen Raum übrig hatte, machte daraus ein Lokal oder einen kleinen Laden. Fast überall wurde Musik gemacht. Die spanischen Klänge versetzten uns in Urlaubsstimmung. Die letzte Bodega, in der wir Halt machten, war ein richtiger Familienbetrieb. Der Vater und die Tochter sangen und spielten Gitarre, während die Mutter für Getränke sorgte. Wir wurden begrüßt wie alte Freunde – und sofort stand Tequila auf dem Tisch. Da ich meinen nicht trank, übernahm ihn Willi – und den nächsten übernahm Günter. Zwischendurch gab es Rotwein. Trotz guter Stimmung überfiel uns die Müdigkeit und wir gingen zurück ins Hotel.

Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, war der erste Strandbesuch angesagt. Willi und Günter sahen nicht gut aus. Sie machten auf mich den Eindruck, als wollten sie lieber wieder ins Bett gehen. „Die frische Luft wird Euch gut tun!“, sagte ich. „Auf geht’s!“

Willi, Inge und Günter mit einer englischen
Urlaubsbekanntschaft in einer Bar.

Wie ich bald feststellen musste, nutzte auch die frische Luft nichts. Man zog sich dezent zurück… Ich bummelte alleine durch Tossa und wartete darauf, dass sich Willi und Günter von den Strapazen des ersten Urlaubstags regenerierten.

Es wurde ein schöner Urlaub, von dem wir gut erholt und braun gebrannt wieder nach Hause kamen.

Ein paar Tage nach unserer Heimkehr fuhren wir nach Friedrichsdorf. Die Treffen fanden üblicherweise freitags statt. Herbert bekam von uns einen spanischen Brandy, Heidrun und Corinna eine Kleinigkeit zum Anziehen mitgebracht.

Im Garten trafen wir Herberts Eltern, die im Tiefparterre des Hauses, in einer separaten Wohnung, lebten. Herr Scheer sen. war ein netter, älterer Herr, der sich gerne im Garten nützlich machte. Oma Scheer freute sich, wenn sie das Enkelkind betreuen konnte.

Wie immer, wenn wir die beiden trafen, wurde ein bisschen geplaudert. Später, nach einem kleinen Abendessen, zogen sich Herbert und Willi zurück, um über Neuigkeiten im Verlag und die Fortführung der Perry Rhodan-Serie zu sprechen. Willi machte sich Notizen, um diese dann zu Hause zu „Vorab“-Exposés auszuarbeiten.

Heidrun und ich räumten das Geschirr ab und spielten danach mit Corinna. Als die beiden Männer wieder nach unten kamen und Herbert mich mit Corinna auf dem Arm sah, fragte er, wie schon oft, ob wir denn nicht auch ein Kind haben möchten. Er wusste von meinen gesundheitlichen Problemen und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Es hielt ihn nicht davon ab, immer wieder zu beteuern, wie phantastisch das Gefühl sei, ein Kind zu haben“. Ich erzählte Herbert, dass ich in der kommenden Woche erst einmal wieder ins Krankenhaus müsse und mein Hausarzt gemeint habe, dass ich „nach einer solchen Operation wenig Chancen hätte, noch ein Kind zu bekommen“.

Herbert, der ein starkes Interesse an allen medizinischen Dingen und Entwicklungen hatte, überhäufte uns mit Ratschlägen, die von Moorbädern bis hin zur künstlichen Befruchtung reichten. Wir hörten ihm zu und hofften auf unser Glück.

Am nächsten Morgen begann Willi mit der Ausarbeitung der Ideen für die nächsten Exposés. Je nachdem wie eilig die Fertigstellung der Exposés war, und Eile war meist geboten, wurden diese Vorab-Handlungsexposés dann an KHS geschickt oder beim nächsten Treffen persönlich abgegeben. Zeitweise fanden die Treffen wöchentlich statt, jedoch mindestens einmal im Monat.

Die nächsten Perry Rhodan-Romane waren ebenfalls bald fällig. Willi war eingeteilt für die Bände 273 „Unter den Gletschern von Nevada“ (sein Vorschlag war „Ratten im Eis“) und Nr.274 „Zwischen Feuer und Eis“. Das Schreiben bereitete William Voltz viel Freude und es ging ihm gut von der Hand.

Was uns nicht so viel Freude bereitete, war die Situation in unserer Wohnung.

Es war an einem schönen Sommertag, als wir von einem Spaziergang zurückkamen und sahen, dass unsere Vermieter Besuch hatten. Wir gingen nach oben in unsere Wohnung und stellten fest, dass sich auch in dem Zimmer, das ursprünglich für die Mutter unseres Vermieters als Schlafzimmer gedacht war, nach der Geburt des zweiten Kindes der jungen Hausbesitzer jedoch auch dem älteren Kind als Schlafzimmer diente, Leute aufhielten. Es war das einzige Zimmer im Haus, das einen Balkon hatte. „Na ja“, meinten wir ohne Überzeugung, „was soll´s“.

Wir waren kaum in unserem Wohnzimmer angelangt, als Kinder über unseren Flur rannten, die Tür knallten und nach unten eilten. Wir sahen uns wortlos an. Dieses Spiel wiederholte sich in den nächsten Minuten mehrmals. Ich sah Willi an, dass er kurz vor dem Explodieren war. „Wenn das nicht bald aufhört, gehe ich hinein!“, drohte er. Der Krach hörte nicht auf. Niemals zuvor sah ich meinen Mann derart wütend. Er sprang auf, ging über den Flur, riss die Tür zum Zimmer der alten Dame auf und schrie hinein: „Wenn der Zirkus hier jetzt nicht sofort beendet wird, werfe ich jeden Einzelnen aus der Wohnung!“ Es hielten sich mindestens zehn Personen in dem Zimmer auf, die sofort geschockt verstummten und nach unten gingen. Wir warteten auf eine Reaktion. Es dauerte einige Minuten, bis man von unten etwas hören konnte. Nachdem die Gäste gegangen waren, ging Willi nach unten und sagte dem jungen Hausherrn, dass wir unseren Mietvertrag vorzeitig kündigen und uns schnellstmöglich eine andere Wohnung suchen werden. Wir hatten den Eindruck, dass dem Vermieter die ganze Angelegenheit unangenehm war. 

Willi beauftragte mich mit der Suche nach einer anderen Wohnung. Mein erster Weg führte zum Wohnungsamt in Offenbach. Ein freundlicher Mann erklärte mir, dass das Wohnungsamt nur noch für die Vermittlung von Sozialbau-Wohnungen zuständig sei. Er empfahl mir, in der Wochenendausgabe der Offenbach-Post nachzusehen, ob etwas Passendes für uns dabei sei. Als ich bereits wieder an der Tür war, rief mich der Mann zurück.

„Ich hätte da vielleicht doch etwas für Sie. In der Bettinastraße wird gerade ein Haus gebaut. Es war ein Trümmergrundstück, und dem Besitzer wurde zur Auflage gemacht, dieses Grundstück zu bebauen. Da er nicht die nötigen Mittel für den Bau eines Hauses hatte, bekam er staatliche Unterstützung. Es handelt sich nun quasi um eine Sozialbauwohnung, für deren Vermietung bestimmte Auflagen gemacht werden. Gehen Sie doch einfach mal hin.“ Er gab mir die Anschrift und wünschte mir Glück.

Als ich Willi davon erzählte, meinte er, dass wir so schnell wie möglich Kontakt zu dem Hausbesitzer aufnehmen sollten. Am nächsten Abend saßen wir in seinem Büro. Herr Theobald lebte in einem Hinterhaus, das auf dem selben Grundstück stand, auf dessen Frontseite „unser“ Haus gebaut wurde. Als wir von dem sehr sympathischen, älteren Herrn hörten, dass noch eine Drei-Zimmer-Wohnung frei sei, waren wir sehr erleichtert. Er war auch bereit, sie an uns zu vermieten.

„Haben Sie Kinder?“ fragte er. Als wir verneinten, klärte uns Herr Theobald darüber auf, dass bei einem sozialen Wohnungsbau bestimmte Regeln gelten. So stünden zwei Personen auch nur zwei Zimmer zu. „Wenn Sie eine Drei-Zimmer-Wohnung möchten, müssen Sie einen Baukostenzuschuss in Höhe von DM 5000.-- zahlen. Außerdem muss eine Verdienstbescheinigung vorgelegt werden, weil ein bestimmtes Einkommen nicht überschritten werden darf. Da Willis Gehalt bei der Maschinenfabrik Hartmann dieses Limit nicht überschritt, und er nichts von seinen Nebeneinkünften erzählte, bekamen wir die Wohnung.

Der Mietpreis betrug DM 220.—und war auf 25 Jahre festgelegt. Erhöht werden konnten in dieser Zeit nur die Nebenkosten.

Noch bevor der Bau beendet war, starb Herr Theobald. Die Erben waren seine Schwester und ihr Mann. Ebenfalls sehr nette ältere Menschen. Diesmal hatten wir Glück mit unseren Vermietern.

Im November 1966 konnten wir in unser neues Reich einziehen. Beim Umzug half wieder unser Freund Günter.

Die neue Wohnung gefiel uns. Besonders vorteilhaft war, dass unser Kegellokal genau gegenüber dieser Wohnung lag. Außerdem hatte Willi nun auch ein eigenes Arbeitszimmer, in dem er so manchen Roman für die Perry Rhodan-Serie und andere Projekte des Moewig-Verlags schreiben sollte. Und wir hatten endlich einen eigenen Telefonanschluß.

Am 29.9.66 schrieb Kurt Bernhardt seinen letzten Brief an Willis alte Adresse. Er bestätigte den Erhalt des Manuskripts für Perry Rhodan Nr.278 „Die schmutzige Neun“. Der Roman erschien später unter dem Titel „In geheimer Mission auf Lemuria“.

K. Bernhardt schrieb außerdem:

Ich lasse Ihnen den Vertrag beiliegend zugehen und Sie werden dabei feststellen können, dass wir aufgrund der bisher weiteren guten Entwicklung der Perry Rhodan-Serie das Honorar erhöht haben. Ich freue mich natürlich sehr, dass ich Ihnen diese Honorarerhöhung mitteilen kann und hoffe, dass dieser gemeinsame Erfolg mit dazu beitragen wird, unsere Zusammenarbeit zu vertiefen.

Der Verlag hat die Absicht, Ende Oktober die übliche Redaktionsbesprechung aller Autoren wieder in München stattfinden zu lassen. Sie werden den genauen Termin hierfür noch rechtzeitig erhalten.

Inzwischen werden Sie erfahren haben, dass die Perry Rhodan-Serie verfilmt wird. Die Grundlage für diesen Film sind die Perry Rhodan-Bände 1-3. Wir wünschen uns natürlich, dass noch eine weitere Reihe Perry Rhodan-Filme herauskommt und dass dann die Bände, nach denen die Filme gedreht werden, aus Ihrer Feder stammen.

Dass ein Perry Rhodan-Film in Arbeit war, wussten wir natürlich. Karl-Herbert Scheer hatte eine Einladung zu den Dreharbeiten nach Rom bekommen. Am Tag seiner Rückkehr fuhren wir zu Heidrun Scheer nach Friedrichsdorf. Von dort machte sich Willi auf den Weg zum Flughafen, um KHS abzuholen. Zu Hause angekommen, gab dieser einen ausführlichen Erlebnisbericht ab.

„I'm your father!“, habe er sich bei Lang Jeffries, dem Perry Rhodan Darsteller, vorgestellt. Als dieser ihn nur verwundert ansah, klärte KHS den Schauspieler darüber auf, wen er vor sich hatte.

Leider hatte der Verlag nach diesem ersten Film nicht den Mut, einen zweiten Versuch zu starten. Der Film war, wie jeder weiß, kein gelungenes Projekt.

Anfang November 1966 fuhren Willi und Herbert zur jährlichen Perry Rhodan Besprechung nach München. Diesmal blieben Heidrun und ich zu Hause. Ich verbrachte drei Tage bei Heidrun in Friedrichsdorf. 

Willi Voltz hatte sich inzwischen dazu entschlossen, seinen seitherigen Beruf aufzugeben und nur noch als freier Schriftsteller tätig zu sein. Über dieses Thema wurde in München ausgiebig gesprochen.

Brief vom 1.12.66. Bild klicken zum lesen.

Endlich sollte Willi für seine Mitarbeit an den Exposés und seinen Beitrag an Ideen auch ein kleines Gehalt bekommen. Es war vergleichsweise wenig, aber zumindest ein Anfang. Willi sah seine Mitarbeit an den Exposés als notwenig an. „Es muss weitergehen!“, sagte er. „Wenn ich Herbert nicht unterstütze, schadet es der Serie – und das will niemand! Herbert hat mir dazu verholfen, bei der Perry Rhodan-Serie einzusteigen. Dafür bin ich ihm dankbar." Als ich einmal von Ungerechtigkeit sprach, meinte Willi: „Lass nur, meine Zeit kommt noch!“ Wie so oft in unserer gemeinsamen Zeit bewunderte ich seine Geduld und Ausdauer.

Am 1.12.66 schrieb Kurt Bernhardt, der sich von Willis Mitarbeit vor allem auch eine Unterstützung beim Einhalten der Termine versprach, den ersten Brief an unsere neue Adresse.

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