Die perfekte Maschine?

„Nächster Halt: Turning Green“, schnarrte die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher, in einem hoffnungslosen Versuch, das Rattern und Quietschen der längst veralteten Transportbahn zu übertönen.
Ich hatte sie dennoch gehört, denn dies war die Station, auf die ich schon die ganze Zeit gewartet hatte. Mein Blick fiel auf die Armbanduhr: 18.27 Uhr – zwei Minuten Verspätung.
Endlich wurde das Quietschen schriller, als sich die Transportbahn dem tristen Bahnhof näherte. Ein widerliches Zischen setzte ein, ein Zeichen dafür, dass die hydraulischen Bremsen ihr Bestes gaben, die Zugskomposition rechtzeitig zum Stehen zu bringen.
Die ersten Passagiere erhoben sich. Ein Seitenblick genügte mir, um festzustellen, dass die meisten davon Roboter waren. Entwickelt, um die Drecksarbeit für die Menschheit zu erledigen, durften sie zumindest ein menschenähnliches Dasein führen, komplett mit Frau und Kind, eingepfercht in riesigen Wohnsilos.
Mein Blick fiel durch die matte Plexiglasscheibe: Arbeiterwohnanlagen, wo man auch hinschaute. Turning Green war eben ein Arbeiterviertel; ein Roboterviertel. Die Menschen, die hier Seite an Seite mit den Maschinen wohnten oder gar mit ihnen zusammenlebten, waren der Bodensatz der Gesellschaft.
Die Transportbahn bockte ein letztes Mal, bevor sie schließlich zum Stillstand kam. Wer sich über den unsanften Halt beschwerte, war menschlich. Die Maschinen nahmen es einfach hin, wie sie alles einfach hinnahmen.
Die Türen schoben sich auseinander, und die Bahn entließ ihre zweibeinige Fracht ins Freie. Beiläufig fiel mein Blick auf einen ZK-3, der die ersten Tage der Bahn noch miterlebt haben musste. Es war ein Wunder, dass er noch funktionierte. Aber es gab eben auch unter den Maschinen Unverwüstliche, die das Gros ihrer Kameraden überdauerten.
Einer nach dem anderen schoben sich die Arbeiter nach draußen, wo ein stahlgrauer, schmuddelig aussehender Abendhimmel auf sie wartete. Ich versuchte, an den fremden Gesichtern vorbei zu sehen und herauszufinden, ob heute ein Abend wie jeder andere war, doch es gelang mir nicht. Es waren einfach zu viele, die auf den Bahnsteig strömten. Es blieb mir nichts übrig als zu warten.
Der Wagen war fast leer, als die neuen Passagiere endlich einstiegen: ein Mensch, ein AMD-1, ein ZK-6, ein Mensch, ein Beta-01 – sie!
Ein Lächeln umspielte meine Lippen. Heute war wirklich ein Abend wie jeder andere; ein Abend, an dem sie in Turning Green die Transportbahn bestieg und sich wie immer auf den leeren, abgewetzten Kunststoffbezug des Platzes schräg gegenüber von meinem setzte. Vier Haltestellen, etwa zwanzig Minuten, dann würde sie wieder aussteigen. Zeit genug, um es endlich zu tun.

„Nächster Halt: Evidence Garden.“
Störgeräusche, die das nahe gelegene Elektrizitätswerk produzierte, verzerrten die Lautsprecherstimme zu einem kaum mehr verständlichen Quäken. Ebenso gut hätte sie „Willkommen im Niemandsland“ plärren können. Auch das wäre zutreffend gewesen.
Doch was kümmerte mich das mit riesigen Stromgeneratoren verbaute Ödland hinter der zerkratzten Plexiglasscheibe? Der Anblick, der sich mir im Inneren des Wagens bot, war spannend, geheimnisvoll und mysteriös genug.
Wie immer hatte sich die Unbekannte auf ihren Platz gesetzt, ohne auch nur einmal nach links oder rechts zu sehen. Sie hielt den Rücken so gerade, dass man hätte meinen können, sie besäße einen Besenstiel statt eines Rückgrats. Die langen, schlanken Beine hielt sie sittsam übereinander geschlagen, die Hände auf dem rechten Oberschenkel gefaltet. Sie war unbeweglich wie eine Statue. Nur das kaum erkennbare Heben und Senken des Brustkorbs wies darauf hin, dass sie lebte.
Ein Roboter, ohne Zweifel. Nur welches Modell?
Mein Blick fiel auf den AMD-1, der in einer ähnlich steifen Haltung weiter hinten im Wagen saß. Auch seine Atemsimulation war kaum zu erkennen – ein Softwarefehler, der erst mit der nächsten Generation bereinigt worden war. Dann bemerkte ich jedoch das unnatürliche Blinzeln seiner blassen Augen, das eher einem nervösen Flimmern glich. Ein weiterer subtiler Konstruktionsfehler, der typisch für dieses Modell war.
Während die Transportbahn ächzend und knirschend auf die nächste Haltestelle zu raste, konzentrierte ich mich auf die Augen der Unbekannten: ein helles, klares Blau, umrahmt von einem perfekt gezogenen, kohlschwarzen Strich. Sie blinzelte: einmal, zweimal. Das helle Rosa ihrer Augenlider schien sich dabei in zwei quirlige Schmetterlinge zu verwandeln. Aber es war ein Blinzeln, kein Flimmern. Daran bestand kein Zweifel.
In Gedanken strich ich den AMD-1 von der Liste der möglichen Modelle. Was war sie nur?
Das Zischen der Hydraulikbremsen unterbrach meine Überlegungen.

„Nächster Halt: Conjecture Heights.“
Das kühle Neonlicht erwachte wie von Geisterhand zu flackerndem Leben, als die Transportbahn von der Schwärze des ehemaligen Autotunnels verschluckt wurde. Ich lächelte, denn der Gedanke, dass es noch vor wenigen Jahrzehnten üblich war, in viel zu engen Individualfahrzeugen von Ort zu Ort zu fahren, erschien aus heutiger Sicht widersinnig.
Immerhin würde mir dieser Tunnel jetzt aber dabei helfen, mehr über die Unbekannte herauszufinden. Mein Blick wanderte von ihren blauschwarzen Stirnfransen hinunter zu den hellblauen Augen. Sie starrten ins Leere, als hätte die Unbekannte alle Systeme außer den nötigsten Funktionen abgeschaltet. Ein typisches Verhalten für einen Beta-01, der dafür konstruiert worden war, mit möglichst wenig Energie möglichst lange auszukommen.
Wieder lächelte ich, denn jetzt hatte ich sie ertappt. Ein Beta-01, wahrscheinlich von irgendeinem verkannten Genie modifiziert, so dass er nicht auf den ersten Blick zu identifizieren war.
Ich konzentrierte mich und versank im Hellblau ihrer Augen, die von großzügig geschwungenen Wimpern eingefasst waren. Wenn ich Recht hatte – und dessen war ich mir sicher –, würden sich ihre Pupillen durch das Flackern der Wagenbeleuchtung jetzt ständig erweitern und wieder zusammenziehen. Denn so perfekt die Beta-01 waren, ihre optischen Systeme waren dennoch zu empfindlich geraten.
Jede Maschine hatte eben ihre kleinen Macken. Den perfekten Roboter zu bauen, war noch niemandem gelungen.
Aber ich entdeckte nichts. Kein nervöses Anpassen der Pupillen an die sich ständig verändernden Lichtverhältnisse; keine Anzeichen dafür, dass die Unbekannte das Flackern überhaupt registrierte.
Sollte ich mich doch geirrt haben? Oder hatte derjenige, der sie modifiziert hatte, einen Weg gefunden, die Lichtempfindlichkeit zu verringern? Wenn ja, dann war er wirklich ein Genie.
Aus den Augenwinkeln entdeckte ich einen gleißend hellen Punkt, auf den die Transportbahn zielstrebig zusteuerte. Das Ende des Tunnels würde den endgültigen Beweis liefern, denn auch ein Genie würde es nicht schaffen, die optischen Systeme eines Beta-01 so weit zu modifizieren, dass ein plötzlicher Wechsel vom Dunkel ins Licht keine Reaktionen hervorrufen würde.
Mit jeder Sekunde, die verstrich, vergrößerte sich der helle Punkt, bis er schließlich zu einem riesigen Maul wurde, in das die Transportbahn mit voller Geschwindigkeit hineinraste. Licht überflutete den Wagen von allen Seiten, brachte die künstliche Beleuchtung zum Verlöschen – aber rief keine hektischen Anpassungsversuche der Pupillen der Unbekannten hervor, sondern nichts weiter als eine normale Verengung.
Sie war kein Beta-01.
Ich schüttelte den Kopf, während die Bahn den nächsten Bremsvorgang einleitete. Diese unbekannte Frau war ein Mysterium; eines, das ich nun schon seit Tagen vergeblich zu entschlüsseln versuchte.

„Nächster Halt: Last Chance“, knarrte die Blechstimme aus dem Lautsprecher.
Der Himmel hatte sich verdunkelt. Düstere Regenwolken waren wie aus dem Nichts aufgezogen und entleerten sich nun über der abendlichen Landschaft. Dicke Tropfen prasselten an die zerkratzten, schmutzigen Plexiglasscheiben, mussten sich dem Tempo der Transportbahn beugen und wurden quer über die Fenster geschleift.
So trübe wie das Wetter war mittlerweile auch meine Stimmung – wieder einmal. Es schien, als sei ich auch heute nicht in der Lage herauszufinden, was diese Unbekannte war. So oft hatte ich sie in den vergangenen Tagen bereits auf die Eigenheiten der verschiedensten Modelle überprüft; so viele Baureihen, Modifikationen und Spezialkonstruktionen hatte ich ausgeschlossen. Es blieb nur noch eine Möglichkeit: Sie war ein ZK-6.
Doch das war eigentlich nicht möglich.
Ich lehnte mich in meinem schmuddeligen Sitz zurück und schloss die Augen. In Gedanken ging ich die verschiedenen Versionen der ZK-6-Baureihe durch und kam immer wieder zu demselben Schluss: Es gab keine weiblichen Modelle. Sicher, man hatte Prototypen entwickelt und auch in Feldversuchen getestet, doch keiner von ihnen war je in Serie gegangen.
Der ZK-6 hatte vor einigen Jahren die perfekte Mischung aus Robustheit und Intelligenz werden sollen, sozusagen ein Ebenbild eines perfektionierten Adams. Diesem Ideal waren die Entwickler mit den männlichen Modellen auch sehr nahe gekommen, wobei sich allerdings herausgestellt hatte, dass die Lebensdauer dieser Maschinen lächerlich kurz war. Sie verbrauchten zu viel Energie, um Muskeln und künstliche Intelligenz auf einem gleichmäßig hohen Niveau zu halten.
Bei den weiblichen Prototypen – den perfekten Evas – kam das Problem des Aussehens hinzu: Sie wirkten wie mit Steroiden voll gepumpte Bodybuilderinnen. Natürlich hatte man versucht, die künstliche Muskelmasse auf ein optisch erträgliches Maß zu reduzieren, allerdings zu dem Preis, dass die Maschinen den technischen Anforderungen der Auftraggeber nicht mehr genügten. Folglich wurde die weibliche Serie aufgegeben. Die Prototypen wurden allesamt eingestampft.
Nein, sie konnte kein ZK-6 sein.
Mein Blick fiel wieder auf die Unbekannte, die sich die ganze Zeit über keinen Millimeter bewegt zu haben schien. Ihr Blick war immer noch ausdruckslos, ihre Gesichtsmuskeln entspannt, ihr Atem regelmäßig und flach.
Ich war mit meinem Latein am Ende. Ich glaubte, mich mit Robotern auszukennen, über die neusten Entwicklungen und auch über die Geschichte der Maschinen seit dem damals bahnbrechenden Menschensimulationserlass informiert zu sein. Ich hatte mich sogar für einen Experten auf diesem Gebiet gehalten. Doch diese Frau …
Durch den Regenfilm, der sich auf die Plexiglasscheibe gelegt hatte, sah ich, wie der trostlos wirkende, menschenleere Bahnhof zügig näher kam. Wenn ich nicht bis morgen warten und mir einen weiteren Tag lang das Hirn zermartern wollte, musste ich handeln. An der nächsten Station würde die Unbekannte wie jeden Abend aussteigen.

„Nächster Halt: Revelation Square.“
Ich musste sie ansprechen. Eine Alternative sah ich nicht. Aber wie sollte ich das anstellen? In Gedanken spielte ich alle möglichen Variationen durch und verwarf sie wieder. Seit dem Gesetz über die relative Gleichstellung von Mensch und Maschine konnte man für Sätze wie: „Darf ich Sie fragen, welches Modell Sie sind?“ angezeigt werden. Ungebührliches Verhalten gegenüber maschinellen Koexistenzen würde das Urteil lauten. Es gab mehr als genug Präzedenzfälle.
Die Zeit lief mir davon. Keine drei Minuten mehr, und die Transportbahn würde wieder anhalten. Dann würde die Unbekannte aussteigen und mich einmal mehr ratlos zurücklassen.
Nein. Nicht heute.
Ich stand auf und hielt mich sogleich an einem der Handgriffe fest, die an der Wagendecke angebracht waren. Das Ruckeln der Bahn war zu unberechenbar, als dass man sich während der Fahrt hätte freihändig bewegen können. Wie ein Affe hangelte ich mich zögernd und unsicher vor. Noch immer hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie ich sie ansprechen sollte, nur den festen Entschluss es zu tun. Ich wollte und musste diese perfekte Maschine, die sich jeder Katalogisierung entzog, einfach kennen lernen.
Schritt für Schritt kam ich dem Objekt meiner Neugier näher, während ich in Windeseile noch einmal alle möglichen und unmöglichen Modelle durchging. Vielleicht hatte ich ja etwas übersehen? Eine Baureihe vergessen?
Nein, hatte ich nicht. Wenn ich meine Neugier befriedigen wollte, kam ich nicht darum herum, die Unbekannte anzusprechen.
Nur noch wenige Schritte trennten mich von ihr, als plötzlich ein infernalisches Kreischen den Wagen erfüllte. Die Räder der Transportbahn schienen zu blockieren und über den Schienenstrang zu schleifen, statt auf ihm zu rollen, während das Blech um uns herum aufstöhnte. Eine knallrote Lampe blinkte hektisch am Ende des Wagens: Vollbremsung.
Reflexartig klammerte ich mich an die Handgriffe und stemmte mich gemeinsam mit der Bahn gegen die Kräfte an, die bei dem Versuch, so schnell als möglich zum Stillstand zu kommen, an uns zerrten.
Die Unbekannte schrie auf – das erste Mal, dass ich ihre glockenhelle Stimme hörte, die sich durch den mechanischen Lärm an meine Ohren wühlte –, wurde von ihrem Sitz gerissen und prallte gegen mich. Wie eine Ertrinkende hielt sie meine Beine umschlungen, panisch und hilflos.
Ich hingegen konzentrierte mich darauf, die Handgriffe nicht loszulassen, und starrte wie gebannt auf die blinkende Lampe. Sie schien sich über mich lustig zu machen, mich hämisch anzugrinsen, mich sogar auszulachen.
Ein – aus – ein – aus – ein – aus.
Dann endlich stand die Transportbahn.
Die Stille hämmerte in meinem Kopf, als ich nach unten blickte. Noch immer klammerte sich die Unbekannte an mir fest, als wäre ich ein rettender Anker. Keuchend und schluchzend hob sie schließlich den Kopf und sah mich aus tränennassen Augen an.
An ihrer Stirn klebte Blut!
Sie war ein Mensch!
Mein Kopf fing an, zuckende Bewegungen zu vollführen – eine mangelhaft programmierte Subroutine, die mich in Stresssituationen teilweise die Kontrolle über meine Körperfunktionen verlieren ließ. Ein typischer Konstruktionsfehler meiner Baureihe.
„Darf – darf – ich Ihnen hel – hel – fen?“, stammelte ich und streckte der Unbekannten eine zitternde Hand entgegen, um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein.
Ihre Augen weiteten sich. Sie schniefte, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und verschmierte gleichzeitig das Blut auf ihrer Stirn.
„Lass mich in Ruhe – Roboter!“, zischte sie und schlug meine Hand beiseite.
Dann rappelte sie sich auf, sah mich noch einmal kopfschüttelnd an und ließ mich einfach stehen, während ich hilflos darauf wartete, dass meine Schaltkreise wieder in den Normalzustand zurückkehrten.