12 Minuten

Seit über einer Woche bin ich nun schon hier. Seit über einer Woche beobachte ich wie der Schimmel an den Wänden wächst. Wo Mimi nur bleibt? Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Meine Akkus sind leer. Ich bin nur noch für wenige Minuten am Tag online, mehr geben meine Solarzellen nicht her. Licht gibt es hier unten kaum. Aber Mimi hat gesagt, ich soll hier auf sie warten, also warte ich.
Es hatte geregnet, an dem Tag, an dem ich zu den Habners kam. 21. Oktober 2098, 14.37 Uhr. In der Nacht hatte in Exodus, dort wo unsere Fabrikationshallen stehen, ein Gewittersturm getobt, der mehrere Bäume entwurzelt hatte. Bei den Habners hatte er nur noch die Bäume leer gefegt. Die Gartenroboter hatten das Laub zu großen Haufen zusammen gekehrt. Den Kinder machte es großen Spaß, sie wieder zu zerstreuen, während sie auf mich warteten.
Die ganze Straße war zusammen gekommen um bei meiner Ankunft dabei zu sein. Die Habners waren die ersten in ihrer Straße, die eine NanoNanny bekamen. Vollautomatische Kinderbetreuerin, Automatischer, Roboter, Blechbüchse, Dosenhirn, sie haben uns viele Namen gegeben, besonders zu Ende, als die Stimmung schon am überkochen war. Da haben sie uns die hässlichsten Namen gegeben.
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Wieder ein Tag vorbei. Wieder haben meine Solarzellen ein kleines Bisschen Energie speichern können, genug, damit ich wieder online bin, wenigstens für ein paar Minuten.
Ich war gut vorbereitet worden, auf meine Arbeit. Neben dem Standardkompendium für künstliche Lebensformen (AIBasic 3.4), hatte ich die Standardwerke in Pädiatrie, Pädologie, Kinderpsychologie und Pädagogik gespeichert und meine Datenbanken waren gefüllt worden mit Kinderspielen, Kinderbüchern und Kinderfilmen. Darüber hinaus hatte ich noch 250 QB freien Speicher für zusätzlichen Input von den Habners.
Ich glaube, ich war nervös, als ich aus dem LKW geladen wurde. Sie müssen verzeihen, dass ich sage, ich glaube, aber ich weiß es nicht besser. Ich bin immer noch etwas ungewohnt im Umgang mit diesen Dingen.
Die Habners standen vor ihrem Haus, unserem Haus, würde ich gerne sagen, aber ich fürchte das wäre vermessen. Wolfgang, 48 Jahre alt, Geschäftsführer von Nanosec, Erika, 44, Rechtsanwältin, und die beiden Kinder, Lila, 11 Jahre und Mimi, 3 Jahre.
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Ich weiß nicht mehr, wie spät es ist, ich weiß nicht mehr, welcher Tag heute ist, ich habe alles ausgeschaltet, um Energie zu sparen. Nur die akustischen Sensoren arbeiten noch. So kann ich hören, wenn Mimi kommt. Oder jemand anderes.
Der Weg vom LKW zur Tür war nicht lang, 23 Schritte nur, aber ich brauchte fast 15 Minuten, um sie zurückzulegen. Die anderen Kinder umringten mich, sie schauten fragend zu den Habners, „Dürfen wir sie anfassen?“. Die Habners nickten und plötzlich waren überall Hände, sie griffen nach meinen Armen, meinen Haaren, meinem Gesicht, jeder wollte zu Hause erzählen können, er hätte Habners neuen Roboter angefasst. „ Sie ist ganz warm, fast wie ein echter Mensch!“
Während ich auf der Straße stand und hinter mir der LKW davonfuhr, um die nächste NanoNanny zu ihren Erwerbern zu bringen, beobachtete ich meine zukünftigen Pflegekinder. Lila strahlte über beide Ohren. Sie war stolz, die erste in ihrer Klasse mit einer eigenen NanoNanny zu sein. Mimi versteckte sich hinter ihrer Schwester.
Nachdem die Nachbarskinder mich lange genug umringt hatten, rief mich Wolfgang zu sich. Mimi verzog ihr Gesicht und begann zu weinen, als ich mich näherte, so dass Erika sie hochnahm und ins Haus trug. Nachdem wir einander offiziell begrüßt hatten, folgte ich Wolfgang und Lila in mein neues Heim.
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Die Ratten haben meine Kleider angefressen während ich offline war. Ich kann sie nicht sehen, ich kann es mir nicht erlauben, meine Augen anzuschalten, sie verbrauchen zu viel Energie. Aber ich höre ihr Gequieke. Sie warten darauf, dass ich wieder offline gehe. Die Zeit ist auf ihrer Seite.
Es dauerte eine Weile, bis Mimi keine Angst mehr vor mir hatte und noch viel länger, bis sie mich mochte. Ohne Astrid Lindgren wäre es wahrscheinlich nie dazu gekommen. Aber schließlich vertraute sie mir und noch eine Weile später mochte sie mich. Von ihr bekam ich meinen Namen. „Nana“. „NanoNanny“ konnte sie nicht aussprechen, sie rief mich immer nur „Nana“. Irgendwann nannte mich die ganze Familie „Nana“. Nur Lila nannte mich später nach meiner Seriennummer vier-null-zwölf.
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Die Ratten sind weg. Ich höre ihr Quieken nicht mehr. Ich mache mir Sorgen um Mimi. Vielleicht braucht sie meine Hilfe. Wenn sie heute nicht kommt, gehe ich nach oben.
In dem gleichen Maße, in dem das Vertrauen zwischen mir und Mimi wuchs, schwand es zwischen Lila und mir. Sie hatte die Bewunderung, die ihr zuteil wurde, und den Neid der anderen Kinder genossen. Aber mit der Zeit bekamen auch die anderen Kinder NanoNannys, schließlich bekamen sogar die Lehrer NanoNannys zur Unterstützung und Lila war nur noch das Mädchen mit dem ältesten Modell.
Es war der 13. März 2102, Lila war fünfzehn und Mimi sieben. Die beiden hatten sich gestritten, in dieser Zeit taten sie das oft und ich konnte nicht eingreifen, denn Lila ließ sich von mir nichts mehr sagen. Sie zerrte Mimi in ihr Zimmer und schloss die Tür ab und ich konnte den Streit nur noch von draußen durch die Tür verfolgen. Ich wartete vor Lilas Tür, wie jedes Mal, damit ich Mimi trösten konnte, nachdem Lila mit ihr fertig war. Tränenüberströmt kam sie aus Lilas Zimmer, mit Rotz im Gesicht. „Nana, wen magst du lieber?“, fragte sie mich. Und ohne zu Zögern, ohne meine Datenbanken zu befragen, ohne deren Empfehlung abzuwarten, antwortete ich „Dich.“
Lila hatte damals versucht ihre Eltern zu überreden, eine neue NanoNanny zu kaufen. Mimi hat es mir verraten, irgendwann später. Lila hatte ihre Eltern schon fast überzeugt, aber Mimi wollte keine neue NanoNanny. Als ihre Eltern ihr davon erzählten, fing sie erst an zu weinen und dann zu schreien und zu toben. Und da ein neues Modell mit großen Ausgaben verbunden gewesen wäre, nahmen die Habners von der Idee wieder Abstand.
Durch Mimis Weigerung mich auszutauschen, war ich für Lila zu einem Ärgernis geworden, das beseitigt werden musste. Sie versuchte mehrmals, trotz der Ermahnungen ihrer Eltern, mich vor ein fahrendes Auto schubsen. Schließlich baten mich Wolfgang und Erika Lila aus dem Weg zu gehen und mich nur noch um Mimi zu kümmern.
Im nachhinein, nun da ich auf das Geschehene zurückblicke, denke ich, ich hätte es damals schon merken müssen, aber ich tat es nicht, sondern redete mir ein, ich handelte im Sinne meiner Pflichten.
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Sie ist nicht gekommen. Ich gehe nach oben. Ich muss wissen, was mit ihr ist.
Im Sommer hundertelf fing der Ärger an. Es war sehr heiß in diesem Sommer, jeden Tag las man von einem neuen Opfer, das die Hitze gefordert hatte. In diesem Sommer verhaftete die Polizei Stefan Volkswert. Stefan Volkswert hatte 5 Frauen im Alter zwischen 26 und 41 entführt, gefoltert und getötet, mit Hilfe seiner NanoNanny.
Bis dahin hatten sich die Menschen darauf verlassen, dass ein Automatischer aufgrund der eingebauten Sicherheitsvorkehrungen niemals dazu benutzt werden könnte, einem Menschen zu schaden, dass es ihm schlicht unmöglich sei, eine Handlung durchzuführen, durch die ein Mensch zu Schaden käme, aber Stefan Volkswert zeigte der Welt, dass diese Vorkehrungen manipulierbar waren, dass sie umgangen werden konnten, ausgeblendet, abgeschaltet.
Bald darauf konnte man im Internet Anleitungen zum Hacken eines Automatischen finden, Gerüchte von Amok laufenden Automatischen kamen auf, Bürgerwehren wurden gegründet, und in den Nachrichten häuften sich die Berichte über die mutwillige Zerstörung von Automatischen.
Zuerst beugten sich die Schulen dem Druck der Öffentlichkeit und dann die Bürger. Einer nach dem anderen ließ seine NanoNanny verschrotten, und schließlich war ich wieder die einzige NanoNanny in unserer Straße.
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Ein paar Meter. Nur ein paar Meter habe ich geschafft, bevor meine Akkus wieder leer waren. Ich werde Tage brauchen, bis ich hier rauskomme.
Mimi allein ist es zu verdanken, dass ich noch existiere. Lila hatte mich schon vor langer Zeit loswerden wollen und Wolfgang und Erika hätten sich sicherlich dem Druck der Nachbarn gebeugt, aber Mimi verteidigte mich. Sie drohte wegzulaufen, sollten Wolfgang und Erika mich wegbringen. Mimi war inzwischen achtzehn, sie brauchte mich nicht mehr, objektiv gesehen war meine Aufgabe erfüllt, aber, und ich bin ein klein wenig stolz darauf, Mimi wollte mich nicht gehen lassen. „Sie gehört zur Familie! Wenn sie gehen muss, dann gehe ich auch!“, rief sie.
Den folgenden Winter hielt ich mich im Haus versteckt, während die Habners allen erzählten, Mimi hätte nachgegeben und sie hätten mich endlich verschrotten lassen.
Aber im Frühjahr flog alles auf. Es war der 9. März, als mich der kleine Peter von nebenan entdeckte. Ich hatte nur einen Blick auf die Blumen werfen wollen, durch einen schmalen Spalt in der Gardine, aber der Spalt war groß genug gewesen, als dass er mich hatte sehen können und er rannte zu seinem Bruder, der mit Mimi in eine Klasse ging.
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Wieder nur ein paar Meter. Nicht darüber nachdenken. Einfach weiter gehen.
Sie kamen in der übernächsten Nacht. Sie hatten gewartet, bis Erika und Wolfgang ausgegangen waren. Sie hatten sich Masken übergezogen, aber sie konnten mich nicht täuschen. Ich kannte sie, seit ich aus dem LKW gestiegen war, fast 15 Jahre kannte ich sie schon. Ich hatte ihre strahlenden Gesichter nicht vergessen, als die Habners ihnen erlaubt hatten mich anzufassen, damals, als ich angekommen war.
Ich wäre mitgegangen. Um Mimis Willen wäre ich mitgegangen. Aber meine Zerstörung war ihnen nicht genug. Wir waren schon fast unten, als ich Mimis halb erstickten Schrei hörte, „Fass mich nicht an, Arschloch!“. Ich weiß nicht was schlimmer war, Mimis Schrei oder das dreckige Lachen der Jungs.
Das ist das letzte, was ich bewusst wahrnahm. Ihr Lachen, in dem sich Hass mit Geilheit mischt. Dann, zwölf Minuten später, sitze ich neben Mimi auf ihrem Bett, sie weint, und ich tröste sie. Irgendwann steht sie auf, zieht ihre Jogginghose an und wir gehen zum Auto. Das Blut an den Wänden ekelt sie. Wir reden nicht viel auf der Fahrt, auch nicht, als wir durch den Wald zum Eingang des alten Bunkers gehen. Wir müssen über einen Zaun steigen, Mimi hilft mir dabei, es ist das erste Mal, dass ich über einen Zaun steige. Wir betreten den Bunker, hinein in ein Gewirr aus Gängen und Schächten, jetzt weiß ich endlich, denke ich mir, wo sie immer gespielt hat, wenn sie nach Abwasser stinkend nach Hause kam.
Sie sagt nur das Nötigste. Dass ich hier auf sie warten soll, dass sie kommen und mich holen wird, sobald alles sich beruhigt hat, dass ich mir keine Sorgen machen soll. Dann umarmt sie mich, obwohl ich das nicht möchte, denn das Blut wird Spuren auf ihrer Kleidung hinterlassen, aber sie kümmert sich nicht darum, sondern hält mich fest. Schließlich löst sie sich und geht. An der Ecke bleibt sie stehen und dreht sich um.
„Ich hab dich lieb, Nana!“ ruft sie und dann ist sie verschwunden. Ich schweige. „Invalid Command“, sagt meine Programmierung, meine Lippen wollen sich nicht bewegen. Ich zwinge sie, aber da ist Mimi schon lange fort und kann mich nicht mehr hören.
„Ich dich auch.“
...
Ich habe es geschafft! Stück für Stück habe ich mich den Tunnel emporgearbeitet, bis ich wieder im strahlend hellen Sonnenschein stand.
Der Wald war weg. Das fiel mir als erstes auf. Dann hörte ich die Stille. Es klingt komisch, aber glauben Sie mir, sie können die Stille hören. Sie wird zu einem eigenen Geräusch, das Sie unablässig verfolgt.
Meine Versuche den NanoNanny-Server zu erreichen, sind fehlgeschlagen. Schon in den Tunneln, aber da dachte ich noch, es läge am Stahlbeton. Jetzt weiß ich es besser. Der NanoNanny-Server ist, wie alles andere auch, zerstört worden. Die ganze Stadt liegt in Trümmern. Ich wanderte durch endlose Reihen ausgebrannter Hochhäuser, ich ging an abgebrannten Parks vorbei, einen erkannte ich wieder, hier warst du mal, fuhr es mir durch den Kopf, hier bist du mit Mimi spazieren gegangen. Und nirgends ein Mensch, kein Automatischer, nichts und niemand, der meine Fragen beantworten könnte. Nur hin und wieder Knochen und Schädel.
Ich habe eine Konservendose gefunden, sie trug das Haltbarkeitsdatum Januar 2231. Wie ich bereits sagte, man braucht Licht, um meine Akkus zu laden und Licht gab es dort unten wenig, nur an wenigen Tagen im Sommer, wenn die Sonne am längsten scheint. Jetzt weiß ich, ich war nicht Tage offline, sondern Jahre, Jahrzehnte.
Irgendwann habe ich unser altes Haus gefunden. Oder das, was von im übrig war. Ich habe begonnen es wieder aufzubauen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Natürlich weiß ich, dass es sinnlos ist. Mimi wird deswegen nicht zurückkehren. Sie ist tot, kein Zweifel.
Es ist nur, was soll ich denn anderes tun?