Adler und Geier

 

Bisweilen liebte DOG es, seinen Namen einfach umzudrehen. So tat er es auch jetzt, da er das Bild der Erdkugel näher heranholte. Es war wieder einmal Zeit, eine neue Etappe im Erkenntnisprozess der Menschheit einzuleiten. Er musste behutsam vorgehen, aber nicht zu behutsam. Ein zu kleiner Schritt würde dem groben Denkmuster der Erdenbewohner verborgen bleiben; ein zu großer konnte an der Beschränktheit menschlicher Vorstellungskraft scheitern. Auch bei der Personenwahl war Vorsicht geboten. Wie einfach war es doch seinerzeit gewesen, als er nur zwischen jenem Adam und jener Eva zu entscheiden hatte. Auch bei Platon war es noch recht übersichtlich. Bis er Galilei fand, dauerte es schon einige Zeit, und bei Einstein war ihm der Zufall zuhilfe gekommen. Seitdem aber hatten sich diese verdammt fruchtbaren Menschen mehr als verzehnfacht!

DOG seufzte und suchte im Großen Stellarium nach der richtigen Stelle. Dann machte er sich ans Werk.

 

Adler schreckte mit einem mulmigen Gefühl hoch. Angst schnürte ihm die Kehle zu, sonst hätte er wahrscheinlich geschrieen. Was war das gerade gewesen? Langsam kam er zu sich und nahm seine Umgebung war. Sanftes Mondlicht sickerte von draußen in Streifen durch die Jalousie. In der Ferne war eine Polizeisirene zu hören. Neben ihm schnarchte unbeeindruckt seine Frau. Erleichtert ließ er sich zurück ins Kissen sinken. Es war nur ein Traum gewesen. Ein merkwürdig logischer; als hätte ihm jemand eine wahre Geschichte erzählt. Sicherlich würde die Erinnerung daran schon bald verblassen, so wie jeder Traum sich nach kurzer Zeit im Dunst des Unterbewusstseins verlor.

Doch das Gegenteil war der Fall. Während er vergeblich auf Schlaf wartete, begann sich vor seinen Augen ein Bild aufzubauen, das sich ohne Zweifel aus den Fragmenten des Geträumten zusammensetzte. Ihn beschlich der Verdacht, dass es etwas mit seiner Arbeit zu tun haben musste. Das war um so verwunderlicher, da es ihm bisher noch immer gelungen war, dienstliches mit dem Abschließen des Büros aus dem Bewusstsein zu verbannen.

Adler war Mitglied eines Forscherteams am Institut für Angewandte Extreme. Das Projekt, an dem er beteiligt war, befasste sich mit der Frage, wie man den Zeittrichter für genau die Lichtgröße bestimmen konnte, die ein minimales Verhältnis zur Tachionenstrecke ergab. Ihm, also Adler, kam die relativ unbedeutende Aufgabe zu, die abnehmende Verschnabelung der Parallelen zu berechnen. Er wurde dabei das Gefühl nicht los, dass man ihn mit dieser Nebensächlichkeit betraut hatte, um ihn aus der Lösung des Kernproblems herauszuhalten. Nur, weil er einmal vergessen hatte, die Meyersche Flexibilitätskostante von C abzuziehen! Aber egal, auch diese Arbeit musste getan werden, und er erledigte sie mit Akribie. An ihm sollte es nicht liegen, wenn das Projekt nicht voranging. Denn es ging nicht voran. Seit Wochen schon suchte man den optimalen Überstülpwinkel. Aber das war nicht sein Problem, zumindest noch nicht.

Denn jetzt, da er keinen Schlaf finden konnte, drängte sich ihm eine Vision auf, die das ganze Projekt in Frage stellen würde. Noch wollte er nicht glauben, was immer deutlicher vor seinem inneren Auge entstand. Wie viele Generationen hatten sich daran die Zähne ausgebissen! Und nun sollte ausgerechnet er ...? Aber es gab keinen Zweifel. Alles war so logisch, so einfach. Warum war da noch keiner drauf gekommen?

Klopfendes Herzens erhob er sich. Er hatte Angst, seine auf so wunderbare Weise erworbenen Einsichten könnten sich in Nichts auflösen. Er wollte sich Notizen machen, aus denen er seine Gedanken jederzeit rekonstruieren konnte. Dabei wurde ihm mehr und mehr die Tragweite seiner Erkenntnisse bewusst. Was ihm gerade wie im Schlaf gegeben worden war, ging weit über die Grenzen des Projekts hinaus. Wenn er sich in seiner Euphorie nicht irrte, würde er einen Meilenstein für die Menschheit setzen. Er würde berühmt werden wie Einstein oder Galilei. Sein Name würde in den Geschichtsbüchern stehen!

Und damit kam eine Schwierigkeit. An wen sollte er sich mit seiner Theorie wenden, ohne Gefahr zu laufen, die Fäden aus der Hand genommen zu bekommen? Die Annalen der Wissenschaft waren voll mit Ideenklau und Plagiaten.

Adler kam zu dem Schluss, vorerst niemanden seines Teams einzuweihen. Stattdessen wollte er sich einem Freund offenbaren, dem er blind vertrauen konnte. Zwar arbeitete der ebenfalls am Institut, war jedoch mit dem Projekt der Frühvernebelung galvanischer Sonnen beschäftigt. Und das war gut so. Denn für die Revision seiner eigenen Gedanken brauchte Adler einen geschulten Geist, der nicht in eingefahrenen Gleisen gefangen sein durfte.

Adler rief Geier an, wie sein Freund hieß. Dieser war ungehalten, so früh am Sonntag aus den Federn geholt zu werden. Sein Ärger schlug in Sorge um, als er Adlers aufgeregtes Gestammel vernahm. Deshalb zögerte er nicht lange, als ihn sein Freund um ein Treffen bat. Sie verabredeten sich Gertruds Kaffestüble. Als Geier das Lokal betrat, war Adler schon da. Er hatte vor Aufregung rote Flecken im Gesicht. Kaum dass er saß, fing Adler an zu sprechen:

„Du kannst dich erinnern, was ich dir von dem Projekt erzählt habe, an dem ich arbeite?“

„Irgend etwas mit einem Zeitstrudel, oder so...“

„Genau“, schnitt ihm Adler das Wort ab. „Ist aber auch gar nicht mehr so wichtig. Das Projekt ist so überflüssig wie der Fleck auf deinem Hemd. Ich habe es herausgefunden!“

„Wieso das?“ Geier schaute an sich herab.

„Weil es gar keine Zeit gibt!“

Adler wartete gespannt, welchen Eindruck diese Worte auf seinen Freund machen würden. Doch dieser ließ außer einem unsicheren Flackern der Augen keine Reaktion erkennen. Deshalb setzte Adler eine feierliche Miene auf und wiederholte, indem er jedes Wort betonte:

„Weil - es - gar - keine - Zeit - gibt!“

„Und was ist das, was ich gerade mit dir verschwende?“, fragte Geier belustigt.

„Keine Zeit. Man könnte es als Zustandsänderung der vierten Dimension bezeichnen. Ich will versuchen, es dir mit einfachen Worten zu erklären:

Stell dir vor, unser Universum existiert nicht nur einmal, sondern es gibt unendlich viele davon. Sie sind fast identisch, nur jedes eine Spur größer als das andere. Sie sind ineinander verschachtelt wie Matroschkas, und...“

„Was sind Matroschkas?“

„Okay, sagen wir wie eine Zwiebel, eine Schale umgibt die andere. Und auf jeder Schale gibt es unsere Erde, gibt es unser Sonnensystem, unsere Galaxis und die anderen Galaxien.“

„Das muss eine ganz schön große Zwiebel sein!“

„Bitte ziehe meine Worte nicht ins Lächerliche.

Betrachten wir jetzt der Einfachheit halber nur einmal unseren eigenen Lebensabschnitt. Das heißt, es gibt dich und mich immer wieder auf einer bestimmten Anzahl dieser Schalen; auf der ersten gibt es dich als Baby bei deiner Geburt, auf der letzten gibt es dich bei deinem Tod. Auf jeder der dazwischenliegenden Schalen bist du folglich in einem anderen Stadium deiner Entwicklung, oder wenn du so willst, in einem anderen Alter. Was wir aber als Alter, und damit als Verstreichen der Zeit empfinden, ist nichts weiter als die Reise von Schale zu Schale, die Vierte Dimension!

Bist du bis hierher mitgekommen?“

„Bis zur Zwiebel auf jeden Fall. Aber wenn ich auf jeder dieser Schalen lebe, warum empfinde ich dann nicht alle diese Stadien gleichzeitig? Tatsächlich lebe ich doch nur hier und jetzt.“

„Das liegt daran, dass immer nur eine Schale aktiv ist. Stell dir mal eine Schallplatte vor. Zwar ist die ganze Scheibe voller Musik, erklingen wird aber nur die Rille, die gerade abgetastet wird. Genauso stelle dir also einen Strahl vor, der die einzelnen Schalen des Universums abgreift und dabei aktiviert. Nur dass das im Gegensatz zur Schallplatte von innen nach außen passiert; vom Urknall bis jetzt und weiter bis ans Ende der Welt.“

„Jetzt beginne ich zu begreifen. Wie viele von diesen Schalen gibt es denn?“

„Wahrscheinlich unendlich viele. Vielleicht ist die Zahl aber auch begrenzt. Das würde dann bedeuten, dass der Aktivierungsstrahl, nachdem er bei der äußersten Schale angekommen ist, rückwärts liefe. Das würde sich decken mit einer Lehrmeinung der Physik, nach der sich unser Universum irgendwann wieder zusammenziehen könnte. Die Physiker ahnen natürlich noch nicht, dass nur der Strahl seine Richtung ändert.

Was in diesem Zusammenhang interessant ist: Wenn der Aktivierungsstrahl auf seiner Rückreise wieder unsere Schalen erreicht, werden wir rückwärts leben. Wir werden als Greise aus Staub und Asche entstehen, werden im Verlaufe unseres Lebens jüngern und schrumpfen, um schließlich von kräftigeren Geschöpfen, unseren Müttern, aufgesogen zu werden...“

„Also, jetzt hör mal auf zu spinnen!“, unterbrach ihn Geier. „Was du da erzählst, ist ja gar nicht möglich.“

„Wieso nicht? Mit der Umkehr des Aktivierungsstrahls werden sich auch die Naturgesetze umkehren. Es wird dir dann völlig logisch vorkommen, dass wir jüngern, so logisch, wie wir jetzt altern.

Und jetzt komme ich zu dem Punkt, dass dieses Trichterprojekt vollkommen sinnlos ist. Letztendlich wollten wir ja die theoretischen Grundlagen für Zeitreisen schaffen. Aber Zeitreisen wird es niemals geben können. Eine Reise in die Zukunft würde ja bedeuten, dass man auf eine weiter außen liegende Schale gelangen müsste, bevor diese vom Aktivierungsstrahl erreicht wird. Und selbst, wenn das gelingen würde, wäre es nutzlos. Denn was bringt es denn, nur auf einer Schale präsent zu sein? Der Strahl huscht darüber hinweg und schon auf der nächsten gäbe es uns wieder nicht.“

„Und eine Reise in die Vergangenheit?“

„Das Gleiche. Zusätzlich müsste man dort verdammt lang auf den Strahl warten, bis er endlich zurück kommt, wenn überhaupt.“

„Du, ich habe eine Idee: Wenn man es schaffen würde, sich irgendwie dem Einfluss des Strahls zu entziehen, oder den Strahl gar manipulieren könnte...“

„Mensch, Geier, jetzt fängst du endlich an zu kapieren. Lass uns also...“

 

An dieser Stelle reichte es DOG. Was sich diese Menschen anmaßten! Den Strahl zu manipulieren, war immer noch seine Angelegenheit. Er justierte ihn auf eine Schale, wo es keinen Adler und keinen Geier mehr gab. Dann drückte er ab.

Morgen würde er einen neuen Versuch unternehmen.