DIE ZEITMASCHINE

 

Erster Freitag im Monat, Bistro „Einstein“. Mein Abend mit Harry. Irgendwie hat es sich ergeben, dass wir uns Geschichten erzählen. Und wer errät, ob eine Geschichte wahr oder erdichtet ist, der bekommt die Getränke vom anderen spendiert. Heute ist Harrys Erzähl-Abend.

 

Er legt die Stirn in Falten. Zuletzt war es einfach gewesen, den Unsinn, den er von sich gegeben hat, als solchen zu enttarnen. Logik ist nicht Harrys Stärke.

 

„Okay. Eigentlich wollte ich das gar nicht erzählen.“

„Aber du merkst, dass du mehr Einsatz bringen musst.“

„Das wird der Maximaleinsatz, Tom.“

„Lass hörn.“

„Du kennst doch den Rainer Unglaub.“

„Vom Sehn.“

„Um ihn geht’s.“

„Oh nää.“

 

Genüsslich lehnt Harry sich im Stuhl zurück, als hätte er schon gewonnen. In Wirklichkeit bin ich der Sieger. Jede halbwegs interessante Geschichte über Rainer Unglaub kann nur erfunden sein.

 

„Zwei Zwickel!“, rufe ich gut gelaunt der Bedienung zu.

 

Harry legt die Arme auf den Tisch und schaut mich an, als käme nun der Stein der Weisen ins Rollen.

 

„Nicht gemerkt, dass der Unglaub verschwunden ist? Du wirst nicht glauben, was dahinter steckt.“

„Ach nää.“

 

Rainer Unglaub ist ein Kommilitone von mittlerer Größe und Intelligenz. Ich kenne ihn aus Seminaren. Er glänzt in matter Weise durch staubtrockene Antworten auf langweilige Fragen. Sein Motto: Nienicht entfährt mir ein unbedachtes Wort. Aber jetzt sind Semesterferien und da kann auch ein Unglaub mal der Bibliothek und der Mensa fern bleiben.

 

Harrys Geschichte beginnt damit, wie der Unglaub Rainer beschloss, sein Leben zu optimieren. Er hatte zuvor, meint Harry, nie das ausgeschöpft, was an Potential in ihm steckte, weil er einfach alles so tat wie andere auch. Nämlich ohne wirklich über die Verbesserungsmöglichkeiten im täglichen Leben und besonders im Studium nachzudenken.

 

„Ich kenn denne nit anders als so spießig“, werfe ich ein.

„Es gab aber eine Entwicklung.“

„Nää. Kann ich fast nit glauben, dass der mal anders gewesen sein soll.“

„Vorsicht. Ich könnte das als ein Votum zum Wahrheitsgehalt der Geschichte werten.“

„Nää, weiter.“

 

Das verspricht ein entspannter Abend zu werden. Ich schlürfe den Schaum vom Zwickel und beobachte ein Pärchen am Nachbartisch, das füßelt. Und glaubt, niemand würde das mitkriegen.

 

Harry berichtet, wie Rainer beschlossen hatte, sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren – sein Jura-Studium. Er besuchte alle Vorlesungen, die fürs jeweilige Semester vorgeschlagen waren und manche Zusatzveranstaltung, schrieb alle Klausuren mit, auch wenn er längst bestanden hatte, und sogar alle Hausarbeiten. Was ein nicht geringer Aufwand war.

 

„Real, was? Ich mein´, der war schwer dabei“, kommentiere ich.

 

„Fast jeden Tag ist dem Rainer etwas eingefallen, wie er sich noch effizienter machen konnte. So ging er dazu über, seine Einkäufe per Computer zu organisieren. Er musste nur klicken und bekam einen Ausdruck, der nicht nur anzeigte, was gerade zu kaufen war, sondern auch die Reihenfolge, in der man es am schnellsten aus den Regalen greift.“

 

„Das sieht dem ähnlich.“

 

Ich muss grinsen und bestelle ein Zwickel. Die Bedienung zieht laut die Nase hoch, als sie wieder verschwindet.

 

„Oder er hat überlegt, wie er in der Bibliothek wichtige Bücher so versteckt, dass nur er sie finden konnte und hat sich einen Lageplan gemacht.“

„So’n Schwein. Kein Wunder, nä, dass die neuen Auflagen vom Palandt immer weg sind.“

„Die stehen doch vorne bei der Aufsicht.“

„Ach.“

 

„Na, jedenfalls, er hat sein Leben so gut im Griff gehabt, dass er Langeweile bekam.“

„Kann ich nit so ganz verstehn.“

 

Ich unterdrücke ein Gähnen. Gedanken an Rainer lassen unweigerlich die Lider schwerer werden, aber Harry zuliebe halte ich mich wach, indem ich die Mäntel an der Garderobe gegenüber zähle. Manche versuchen, sich unter anderen zu verstecken, aber stets erwischen meine Zählblicke einen Kragen oder einen Ärmel.

 

„Du weißt ja noch, Tom, wie er die vielen Einser geschrieben hat.“

„Ekelhaft.“

„Weil er so viel Zeit übrig hatte, hat er angefangen, nebenbei zu basteln.“

„Nää, der hat doch mindestens drei linke Hände.“

„Vorsicht. Ich könnte das werten als ...“

„Mach mal weiter.“

„Also. Er hat in der Zentralbücherei Unterlagen über Physik und Mechanik ausgeliehen und sich abends reinvertieft.“

„Man hat den auch nie auf ’ner Party gesehn.“

„Eben. Sein Ziel war, noch mehr Zeit zu gewinnen, als er sowieso schon hatte. In die Idee hat er sozusagen eine Menge Zeit investiert. Und angefangen, eine Maschine zu bauen.“

„Ne Zeitmaschine, logo. Wie dat bei uns Jurastudenten so üblich ist.“

„Vorsicht, ich könnte ...“

„Kannste eigentlich schon. Schwachsinn. Besonders bei dem Rainer Unglaub.“

 

Ich schüttele den Kopf, Harry stemmt die Arme in die breiten Hüften, entscheidet aber, mein Verhalten nicht als generelles Urteil über die Glaubwürdigkeit seiner Geschichte aufzufassen.

 

„Letztes Jahr im Sommer hat er die Maschine dann getestet.“

„Wo hat er dat eigentlich stehn gehabt, dat Teil? Neben dem Kühlschrank?“

„Nein ... äh ... er hat den Kühlschrank umgebaut.“

„Zur Zeitmaschine.“

„Genau.“

„Nää ...“

„Vorsicht! Also weiter: Natürlich hat er’s erst mal nicht übertrieben. Sondern sich nur ein paar Minuten rückwärts geschaltet.“

„Rückwärts geschaltet?“

„Na ja. Oder gebeamt. Oder was weiß ich, wie man dazu sagt.“

 

Ich bin der Meinung, man soll eine Geschichte nur erzählen, wenn man ihren Inhalt in ästhetischer Sprache wiedergeben kann, aber meine Stimmung ist zu gut, um Harry in die Parade zu fahren. In meinem Glas schäumt das Bier vor Vergnügen.

 

„Hat’s gefunzt?“

„Es hat.“

„Dat heißt, er hat sich um fünf in den Kühlschrank gesetzt und ist um halb fünf wieder rausgekommen.“

„So ungefähr.“

„Genial, eh.“

„Und was, meinst du, hat er wohl mit der Zeit angefangen, die er dazu gekriegt hat?“

„Gelernt – nä?“

„Richtig.“

„War eh klar, beim Unglaub.“

 

Ich bestelle zwei weitere Zwickel und schaue zur Decke, wo sich einige Tabakrauchwolken zu Grimassen verdichten. Es sind richtige Lügengesichter.

 

„Offenbar hat das Gerät präzise funktioniert. Wenn Rainer mal in einer Vorlesung was nicht verstanden hat, ist er einfach nach Hause gefahren, hat die Maschine ein paar Stunden zurückgestellt und ist noch mal hingegangen.“

„So’n Schwein. Dat is Wettbewerbsverdingsung.“

Ich bringe kein Verständnis für Ungerechtigkeiten auf, die mich selbst in Nachteil setzen, deswegen studiere ich Jura. Hätte ich eine Zeitmaschine bauen wollen, hätte ich Physik studiert. Oder wäre Automechaniker geworden.

 

„Wie ging’s weiter?“, frage ich und ertappe mich dabei, dass ich die Sache langsam spannend finde.

„Rainer hat sich angewöhnt, jeden Fehler dadurch auszubügeln, dass er nach der Fehleranalyse rückwärts gereist ist. Und im zweiten Anlauf ist ihm das nicht mehr passiert.“

„Nää! Und er hat alles behalten? Ich meine, er hat sein Gedächtnis mitgenommen?“

„Offensichtlich.“

 

Meine Stirn legt sich in gedankenschwere Falten. Ich beobachte, wie das Pärchen gegenüber die Beine verknotet hat. Hoffentlich muss der Notarzt nicht kommen.

 

„Und wieso haben wir immer nur dieses ... also das zweite Mal mitbekommen, und nie die Fehler?“

„Überholende Ereignisse. Wie bei der strafrechtlichen Kausalität.“

„Ah nää!“

 

Wieder mal ärgere ich mich darüber, dass ich im strafrechtlichen Grundlagen-Tutorium bei Professor Bindzus meistens mit Jessika geflirtet habe. Bisher hatte ich mich eher deswegen geärgert, weil sie mit mir geäugelt und gekichert, aber dann mit einem pickeligen Brillenträger in die Mensa abgezogen ist.

 

„Der Unglaub ist also einfach so rumgereist und hat selbst bestimmt, wie viel Zeit ihn alles kostet.“

„Hat der nie mal in die Zukunft wollen?“

„Warum denn? Um zu gucken, wie die Autos in zehn Jahren aussehen? Wenn er Geld gebraucht hat, dann hat er sich einfach die Lottozahlen notiert, ist mit dem Zettel in der Tasche in den Kühlschrank gestiegen und eine Woche zurück gefahren. Dann hat er den Zettel in der Annahme abgegeben, hat wieder die Kühlschranktür hinter sich zugemacht und ist dahin, wo er herkam.“

„So’n Sack. Dat hätt ich dem im Leben nit zugetraut. Hoffentlich sind ihm im Kühlschrank die Eier abgefrorn.“

„Es war wohl nicht kalt drinnen, während er gereist ist. Seine Lebensmittel sind jedes Mal verdorben.“

„Bei der Art, sich Geld zu beschaffen, hätt er sich ja wohl noch ’nen Kühlschrank leisten könn.

„Dann hätte ihn jeder gefragt, was er mit zwei Kühlschränken will.“

„Ach du dickes Ei, nää.“

 

Ich kann mich täuschen, aber ich habe das Gefühl, die Backsteinwände im Bistro kichern. Das Ganze ist ja auch lächerlich. Rainer Unglaub, der Kühlschrank-Zeitreisende. Aber etwas hält mich zurück, den Daumen für die Geschichte zu senken. Harry tut, als sei das Geschehen fast normal.

 

„Rainer hat niemandem von seiner Erfindung erzählt.“

„Damit hätt er doch die fette Kohle machen können ... ach, ging ja anders auch.“

„Doch irgendwann hat er gemerkt, bei aller Perfektion und aller freien Zeit, über die er jetzt in beliebigem Maß verfügt hat – es fehlte ihm was.“

„Nää!“

„Mit den Frauen hat es nicht geklappt.“

„Nää!“

 

Die Wände grinsen nicht zurück, als ich sie anfeixe. Dafür läuft die Bedienung jetzt auf den Händen und balanciert das Tablett mit den Zwickels darauf zwischen den Fußknöcheln.

 

„Also hat Rainer den großen Schritt gewagt. Er kommt ja aus Köln und hier kannte ihn vorher keiner.“

„Keiner kannte den Rainer, nä.“

„Das gab ihm eine ungeheure Möglichkeit.“

„Lass wachsen.“

„Er reiste in die Zeit nach seinem Abi – oder war’s nach dem Zivildienst? – und ging zu einem Chirurgen, der ihn operiert hat.“

„Der hat aus dem Gesichtselfmeter wohl `nen Brad Pitt für Arme gemacht.“

„Eher einen George Clooney, nur jünger.“

„Einspruch, nä!“

„Ja?“

„Dann hätten wir ihn doch nur so kennen dürfen.“

„Nein. Er wollte doch nicht alle seine Qualifikationen verlieren, die er schon erworben hatte.“

„Du große ... nää, nää, dat glaub ich jetzt nit.“

„Vorsicht! Ich könnte das als ein Votum gegen die ganze Geschichte ...“

„Erzähl weiter, eh.“

 

An den Tisch gegenüber, an dem zuvor das Pärchen füßelte, haben sich zwei Giraffen gesetzt und trinken Zwickel aus langen, diagonal gestreiften Strohhalmen.

 

„Er hat sich einen neuen Personalausweis machen lassen und den Leuten auf dem Amt einfach von seiner Operation erzählt. Anhand des großen Muttermals auf der Pobacke, das in seinem Ausweis eingetragen war, konnten sie natürlich feststellen, dass er sie nicht angeschmiert hat. Und zum nächsten Semester will er woanders studieren. Deshalb ist er nicht mehr zu sehen.“

 

Harry lehnt sich im Stuhl zurück, der entsetzt quiekt, verschränkt die Hände und über den Boden rutschen einige Tintenfische, die keinen Platz mehr bekommen haben, hängen sich an die Brüstung der Galerie und klauen der Bedienung die Zwickelgläser zwischen den Knöcheln heraus.

 

„Boah. Nää.“

 

Ich schwitze.

 

„Sag nichts Unüberlegtes.“

 

Mein Mund ist schon zu einer entrüsteten Deklarierung der Story als purer Nonsens geöffnet, da kommt George Clooney, nur ohne graue Haare. Vor sich her schiebt er eine Frau, die aussieht wie Catherine Zeta-Jones. Er klopft den Giraffen auf die Schultern und sagt ihnen, er habe reserviert. Die Giraffen haben nach einigen Zwickel Schwierigkeiten, ohne Halskatarrh aufzustehen, doch die Lage ist eindeutig und sie torkeln die Treppe ins Parterre hinunter, wo sie über eine Bedienung fallen und einiges an Zwickel zwischen den Ritzen des Dielenbodens versickert.

 

George Clooney zieht für die Zeta-Jones den Stuhl zurück und sie setzt sich mit elegantem Schnurren. Dann sagt er:

 

„Hier habe ich bis vor kurzem studiert. Und die blöden Typen dahinten sind von meiner Fakultät.“

„Der mit der großen Nase und Stirnglatze und der Dicke mit den Schafswolle-Locken auf dem Kopf?“

„Genau. Das sind zwei echte Raffnixe. Die brauchen noch zehn Jahre bis zum Examen.“

„Der Spargel mit der Glatze sieht aus, als würde er bald abbrechen.“

„Manche Leute haben keine Energie.“

„Und keine Fantasie. Ach Rainerle, du bist einfach süß.“

„Du auch, Jessika-Schatz. Was machen wir nach dem Essen?“

„Zu dir fahren. Ich hab eine solche Lust auf deinen Kühlschrank.“

 

Unser Tisch kann nicht mehr an sich halten und schüttelt sich vor Lachen krumm. Ich will Harry sagen, dass er sich mit seiner beschissenen Geschichte sonst wohin scheren kann, doch vom Dielenboden aus ist alle Kommunikation schwer.

 

Am nächsten Tag wache ich angezogen auf, nur die Schuhe liegen irgendwo im Zimmer. Und ein Zettel liegt neben dem Kissen.

 

„Wie kann man von drei oder vier Zwickel nur so knülle sein? Harry hat dir ein Taxi bestellt, Rechnung folgt. Ich bin an der Uni und besorge dir die Literatur, die du noch in deine Arbeit einbauen musst. Sonst kriegst du sie bis zum Abgabetermin nie fertig. Ich liebe dich trotzdem. Deine Jessy.“